John Axelrod






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29 May 2007

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Dirigent John Axelrod rückt die Musik von Hector Berlioz ins Bild: "Die Nacht  -  La nuit" (Arte) Langsam und leise, auf einem mehrfach wiederholten Ton G in den Bläsern, beginnt die "Fantastische Symphonie" von Hector Berlioz, ein Schlüsselwerk der musikalischen Romantik. Dann halten die Bläser, wie um sich zu besinnen, einen Takt lang auf einem Akkord inne, bevor die Violinen mit einem zaghaften Ornament den Ton G umkreisen: Der Traum eines jungen Musikers "von krankhafter Empfindsamkeit und glühender Fantasie" hat begonnen. Es gibt verschiedene Methoden, diese Musik in sich aufzunehmen. Man kann die Partitur lesen und sich den Klang vorstellen. Für Adorno war das die reinste Form musikalischer Rezeption. Glücklicher Philosoph, der keine Ausführung nötig hat, um Musik vor seinem geistigen Ohr vorüberziehen zu lassen. Normalmusikalische müssen ins Konzert gehen oder Platten auflegen. Es gibt eine weitere Methode des Zugangs zur Musik: sie nicht nur anzuhören, sondern auch anzusehen. Im Fernsehen etwa. Aber was sieht man, wenn ein klassisches Sinfoniekonzert übertragen wird? In der Regel nicht mehr als bei einer gefilmten Radiosendung.

Das unbefriedigende Resultat solcher Sendungen hat den Regisseur Paul Ouazan und das Atelier de Recherche von Arte France mit dem amerikanischen Dirigenten John Axelrod, Chef des Sinfonieorchesters von Luzern und der Sinfonietta Cracovia, zu einem Experiment geführt, das über jene statischen Fernsehübertragungen von klassischen Konzerten weit hinausgeht. Um zu einem solchen Ergebnis zu kommen, den Gehalt von Musik, ihre Struktur nicht nur akustisch, sondern auch bildlich vorzustellen, bedurfte es freilich einiger Voraussetzungen; eines Dirigenten, der die Musik gewissermaßen mit seinem ganzen Körper formen kann; eines Werks wie der „Symphonie fantastique", deren dramatisches Programm sich zur optischen Darstellung eignet; und einer Technik, die der Vielfältigkeit dieser Musik bis zum klanglichen Tohuwabohu gewachsen ist.

Elf Kameramänner wurden im Orchester verteilt, so nah an den Musikern, als würden sie selbst mitspielen. Drei Kameras filmten ausschließlich den Dirigenten John Axelrod, eine war ständig auf ihn gerichtet, eine nur auf Hände und Taktstock. Die Tonaufnahmen erfolgten aus nächster Nähe, also aus dem Orchester, um jeden Klang optimal einzufangen. Jede Kamera und jedes Mikrophon wirkten autonom, so dass am Ende elf verschiedene Bildspuren und etwa dreißig voneinander unabhängige Tonspuren vorhanden waren, aus denen der Film zusammengeschnitten wurde.

Was dabei entstand, ist ein filmisches Kunstwerk eigenen Rechts und zugleich ein Film, in dem die Musik wie selten einmal konkrete Gestalt angenommen hat. Es beginnt mit einer zehnminütigen Einleitung, in der man nur den Dirigenten aus der Perspektive der Musiker sieht. Und in der Tat spürt man die Anspannung, man sieht förmlich die Pause zwischen den Tönen in der Unbeweglichkeit des Taktstockes, man verfolgt die musikalischen Phrasen, wie sie in der Hand des Dirigenten Gestalt annehmen und im Fingerzeig der linken Hand verebben. Der Eindruck verstärkt sich, wenn die Kameras die Musiker zeigen, das Wechselspiel von Taktschlag und Einsatz, von der geteilten Aufmerksamkeit zwischen Notenbild und Dirigierbewegung beginnt. So dicht sind die Kameras an den Musikern, dass man hautnah Zeuge wird, wie Klang entsteht, oder welche Fertigkeit dazu gehört, die winzigen Abstände zwischen den Tönen auf den bundlosen Saiten der Streicher so genau zu kennen und zu treffen.

Dabei wurde auch ein Fehler von herkömmlichen Konzertmitschnitten vermieden, nämlich immer nur das stimmführende Instrument zu zeigen und so die polyphone Struktur nicht zur Kenntnis zu nehmen. Erst die Nebenstimmen, das Begleit-Pizzicato von Streichern, eine Füllstimme der Bläser machen bewusst, wie komplex die Musik von Berlioz ist und was ein Dirigent leisten muss, um alles in richtiger Relation zum Klingen zu bringen. In den nahezu apokalyptischen Passagen der Partitur aber laufen hier auch die Kameras Amok, unterteilt sich der Bildschirm in sechzehn Segmente, das Orchester löst sich in abstrakte Farbmuster auf, als wolle der Regisseur den Verzicht von Berlioz auf harmonisch-formale Logik in einem pointillistischen Bild einfangen.

Es gibt nicht viele Filme, die so bewusstmachen, dass auch ein Dirigent musiziert und dass nur der wirklich zu gestalten vermag, der seine Hände unabhängig voneinander agieren lassen kann. John Axelrod hat dies auf faszinierende Weise gezeigt. Berlioz hätte seine Freude an ihm gehabt, mehr jedenfalls als an François-Antoine Habeneck, der während der Uraufführung des Werkes angeblich seinen Taktstock sinken ließ und eine Prise aus seiner Schnupftabaksdose nahm, um so ein Chaos ganz anderer Art hervorzurufen.


Permalink : http://www.johnaxelrod.com/press_detail.php?37


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