John Axelrod






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11 Jan 2011
Crossover ist was für die Industrie
Frankfurter Rundschau

Kultur - 10 | 1 | 2011

DIRIGENT JOHN AXELROD IM INTERVIEW

 

„Crossover ist was  für die Industrie“

 

 

Engagiert: John Axelrod mit dem im französischen Nantes beheimateten Orchestre National des Pays de la Loire.

Foto: johnaxelrod.com

 

Was kann ich für Sie tun?

 

Die westeuropäische Musikkultur retten, Herr Axelrod. Können Sie uns dabei helfen?

Ich weiß nicht, ob ich dafür zuständig bin. Ich bin als Amerikaner geboren, heute bin ich eher Ameropäer, nicht nur, weil ich mit europäischer Musik befasst bin, sondern auch durch mein Leben.

 

Sie sind Chefdirigent des Orchestre National des Pays de la Loire, ist man in Europa in einer solchen Position heute nicht auch dafür verantwortlich, die Kultur zu retten?

Ich bin als Amerikaner vielleicht etwas optimistischer, ich finde nicht, dass ich etwas retten muss. Hier in Frankreich gibt es auf einen Komponisten sicher 20 Maler, Schriftsteller, Philosophen, Bildhauer. In Deutschland ist es umgekehrt. Aber ich kenne eine Statistik, nach der vor dem Zweiten Weltkrieg in fünfzig Prozent aller deutschen Haushalte regelmäßig Musik gehört oder gespielt wurde. Zwanzig Jahre später war das offenbar nur noch in zehn Prozent der Haushalte verbreitet, inzwischen ist die Zahl wohl weiter gesunken. Ich verstehe also den deutschen Pessimismus, aber ich glaube, der deutsche Sprachraum hat doch immer noch allerbeste Entwicklungsmöglichkeiten.

 

Was machen Sie hier in Nantes bei Ihrer Orchester-Arbeit anders als Ihre Vorgänger?

Ich bin es nicht allein, der die Orchester-Arbeit verändert, es gibt viele Bedingungen, die sich verändert haben. Ich glaube, vor allem die Dirigenten haben sich verändert. Sie sind beweglicher geworden, haben ihr Repertoire erweitert und können sich auf regionale Bedingungen besser einstellen. In Frankreich muss man, wenn es ein Problem gibt, viel reden: Wo ist das Problem, was ist das Problem, wer ist verantwortlich, wo ist die Lösung? Man kann während einer Probe viel philosophieren. In Deutschland ist der Weg zur Lösung viel kürzer, vieles geht ohne ein Wort, nur mit der Hand, mit Blicken, mit Gesten. Ein Dirigent muss die psychologischen und anthropologischen Voraussetzungen seiner Arbeit verstehen. Wir spielen nicht Musik, sondern arbeiten mit Menschen, die die Musik spielen. Wir dirigieren Menschen.

 

Also auch das Publikum.

Ja, manchmal. Die Beziehungen zwischen den Musikern und dem Publikum sind interdependent, und das Erlebnis im Konzertsaal ist ein kollektives. Ich als Dirigent organisiere das ungefähr wie ein Fußballtrainer ein Spiel.

 

Und wie locken Sie die Zuschauer ins Stadion?

Das Orchestre National des Pays de la Loire hat mehr als zehntausend Abonnenten in der Region, in Nantes, Angers, Le Mans. Hier in West-Frankreich gibt es einen echten Hunger auf Musik, das ist ein großer Glücksfall. Unser Orchester hat fast ein Monopol. Der zweite Glücksfall ist: Das Orchester hat mich hierher geholt mit dem Auftrag, Chefdirigent und Programmverantwortlicher zu sein, und sie lassen mich meine Ideen verwirklichen, sie erwarten das sogar. Wir statten jedes Konzert mit einer speziellen Idee aus, die man durch den Abend verfolgen kann. Zuletzt haben wir „Amadeus“ gemacht, ein Theaterstück mit Musik, ein wunderbarer Erfolg! Wir haben einen Kompositionsauftrag an Sergej Prokofiews Enkel vergeben, er lebt in England und wird uns Variationen zu Schillers „An die Freude“ komponieren, das ja den Text des Schlusschors von Beethovens Neunter liefert. Aber wenn man das Publikum haben will, ist der erste und wichtigste Punkt: Wir müssen uns engagieren. Wir müssen spielen, als ginge es um Leben und Tod. Das Publikum hier in Frankreich will Engagement spüren, gerade jüngere Leute wollen das. Das zweite ist: Man muss erkennbar machen, dass man die Musik mit seinem Publikum teilen will. Das ist eine Frage der Präsentation. Die übliche Konzertform ist uns aus dem späten 19. Jahrhundert überliefert, aber wir leben im 21. Jahrhundert. Wir sind nicht in der Kirche, und ich bin kein Priester. Man muss versuchen, das Publikum zu verstehen. Und das ist nicht nur die alte amerikanische Phrase, nach der der Kunde immer Recht hat. Unser Handwerk ist die Musik, und man muss verstehen, was sie dem Publikum heute bedeuten kann. Und auch das Orchester muss von ihr überzeugt sein. Nur dann kann auch das Publikum überzeugt werden.

 

Ihr Programm „Aimez-vous Brahms?“ zum Beispiel bestand aus Stücken, die formal und historisch aufeinander verweisen. Gehört das zu Ihrem Erfolgsrezept: didaktisch durchdachte Programme zu machen?

Unbedingt. Wenn man verschiedene Programmteile aufeinander bezieht, ist die Chance, dass man den Leuten Augen und Ohren öffnen kann, am größten. Ich habe nichts gegen diese Art von Didaktik, ich finde eher, es ist meine erste Aufgabe. Wir spielen ja nicht Schule. Wir bieten ein Gesamtkunstwerk. „Aimez-vous Brahms“ nimmt Brahms sehr ernst. Das ist eine unabdingbare Voraussetzung. Aber dadurch, dass wir vorher Webern gespielt haben und Ravel, hat man vielleicht schon einen anderen Blick auf Brahms’ vierte Symphonie.

 

Erkennt das Publikum die strukturellen Bezüge, die Sie zwischen den Stücken sehen?

Ich glaube schon, zumindest in Teilen. Wir proben öffentlich, und ich rede dabei mit dem Publikum, genau wie ich mit dem Orchester rede. Es kommt darauf an zu zeigen, dass wir eine Arbeit in öffentlichem Interesse machen und dass wir dabei persönlich involviert sind. Wenn ich hier in Nantes zum Bäcker gehe, kann es passieren, dass der Bäcker sagt: Maestro, ich komme heute Abend in Ihr Konzert! Oder in einem Laden, in dem unser Plakat hängt, sieht eine Verkäuferin zwischen mir und dem Plakat hin und her und fragt: Haben Sie einen Bruder, der Dirigent ist? Und ist ganz überrascht, wenn ich dann sage: Nein, das bin ich selbst, ich wohne auch hier! Wir haben hier keine Angst davor, uns näherzukommen.

 

Das kann aber nur ein Aspekt Ihrer musikalischen Didaktik sein, Musikern und Publikum nicht distanziert gegenüberzutreten.

Natürlich. Wobei die wichtigste Aufgabe in den Familien bleibt. Darum habe ich eingangs die Statistik erwähnt. Hier in Frankreich hat Jean-François Zygel mit seinen Pariser „Leçons de musique“ die Situation der Musik nachhaltig verändert. Aber auch er ist darauf angewiesen, dass die Eltern die ersten positiven Erfahrungen, die die Kinder mit Musik machen, selbst herstellen. Wir haben übrigens Zygel gebeten, für die kommende Saison ein Konzert für Familien und Orchester zu schreiben, damit können wir dem Reality-TV Konkurrenz machen. Wir können Familien ermutigen, sich mehr für Musik zu interessieren, sich sogar damit aktiv zu beschäftigen. Familienleben ist ja heute eine sehr fragmentierte Sache. Wir dürfen also nicht nur um das junge Publikum werben. Wir wollen auch die Eltern und Großeltern. Nur so kann man auf die Dauer Erfolg haben. Ich kenne inzwischen diesen Anblick aus unseren Konzerten: im Publikum nebeneinander drei Mal das gleiche Gesicht, Großvater, Tochter, Enkel. Das ist neu. Ich sehe darin einen Erfolg unserer Arbeit.

 

Ist das französische Konzertpublikum womöglich leichter zu begeistern als das deutsche?

Das kann sein. Allerdings kann es sich auch sehr empören, wie das historische Beispiel von Strawinskys „Sacre“ zeigt. Heute haben wir kaum mehr das Potenzial für Skandale.

 

Wozu könnte man Skandale brauchen?

Es gibt natürlich gute und schlechte Kontroversen. Es gibt viel zu viel Medien und Information und einen Tag von nur 24 Stunden. Darum haben manche zuweilen die Idee, dass man mit einem Skandal Aufmerksamkeit auf sich konzentrieren könnte. Vor hundert Jahren gingen die größten Skandale jedenfalls wirklich von der Musik aus: von harmonischen Prozessen, von der Rhythmik. Davon sind wir weit entfernt.

 

Ich würde gern noch einmal auf die Familie als Zielgruppe zurückkommen. In Deutschland gibt es bei den meisten Musik-Institutionen inzwischen sogenannte Education-Programme: Schul-, Familien- und Gesprächskonzerte, szenische Konzerte, Vorträge. Worin unterscheidet sich Ihre Praxis davon?

Ich finde die Education-Programme eine sehr gute Sache. Aber man kann nicht alles für alle machen. Wenn man verstanden hat, dass das Publikum aus ganz verschiedenen Bedürfnissen besteht, kann man mit der Arbeit anfangen. Das funktioniert allerdings sicher nicht, wenn wir darauf beharren, dass wir als Orchester eine Institution des 19. Jahrhunderts sind und die Hochkultur repräsentieren. Früher hatten wir andere Dirigenten, und die Menschen erwarteten damals wohl eher einen Diktator. Aber dies ist das 21. Jahrhundert. Ich bin als Dirigent lieber wie Obama: Ich höre zu, ich lasse mich auf Dialoge ein. Und das Erstaunliche ist: das Orchester antwortet und das Publikum auch. Das Orchester hat angefangen, wie ein Kammermusik-Ensemble zu arbeiten. Man hört aufeinander, es entsteht in der Arbeit eine neue Harmonie. Das Publikum spürt das und spricht darüber. Das meine ich, wenn ich sage, wir müssen dem Publikum dienen. Wir müssen uns als Künstler nicht zum Publikum hinunterbeugen. Und es ist Unsinn, Crossover-Programme zu spielen. Crossover ist etwas für die Industrie und bedeutet ein gesenktes Niveau, das ist nichts für Musiker. Man muss auf das Niveau achten, das ist man sich als Künstler schuldig, und sonst macht Education keinen Sinn. Das Publikum will stolz darauf sein, einem guten Orchester zugehört zu haben.

 

Sie haben vorhin eine Analogie zwischen Kirche und Konzertsaal erwähnt.

Man muss leise sein, sich konzentrieren. Trotzdem müssen wir alle unsere Rollen und Verhaltensweisen neu überdenken und gestalten: Musiker, Intendanten, aber auch Sie, die Kritiker, die Presse. Wie Sie sehen, vertrete ich auch nicht mehr die alte Auffassung, dass wir als Künstler nicht mit Kritikern sprechen dürfen. Wir bilden alle zusammen eine Einheit, zu der auch das Publikum gehört. Wir müssen uns auf ein neues Paradigma des Konzertbetriebs zu bewegen: Wir experimentieren. Manchmal kommt nichts dabei heraus, aber manchmal doch: Da müssen wir weiter arbeiten. Wir brauchen das Gefühl, dass etwas Wirkliches passiert, gerade im Konzert. Aber zuerst kommt die Musik. Darauf müssen wir uns konzentrieren. Es ist nichts einzuwenden gegen gutaussehende junge Menschen auf der Bühne, im Gegenteil, aber wenn sie sonst nichts zu bieten haben, sind sie uninteressant. Wir müssen die Musik ernst nehmen.

 

Interview: Hans-Jürgen Linke

 

 

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