John Axelrod






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30 Jan 2002
Dem Andenken eines Engels - Niedersächsische Musiktage: John Axelrod leitet die Radio-Philharmonie des NDR


Lüneburg. Über Kinder und die Kindheit, für Kinder und von Kindern ist viel komponiert worden. Jedoch haben erstmals die 17 Niedersächsischen Musiktage diesen Leitgedanken erstmals zum übergreifenden Motto gemacht. Ein trauriger Aspekt dieses sonst eher fröhlich erscheinenden Themenkreises ist das noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zum Alltag vieler Familien gehörende Kindersterben, das vielen Komponisten Anlass war, empfindsame Requien und Erinnerungsmusik zu schreiben.

"Dem Andenken eines Engels" galt das feierliche Konzert in St. Michaelis. Mit dem Titel überschrieb Alban Berg sein Violinkonzert, das er Alma Mahlers 18-jähriger, an Kinderlähmung gestorbener Tochter Manon Gropius widmete. Trotz oder gerade wegen des anspruchsvollen Konzertprogrammes mit drei in Wien entstandenen Requiem-Musiken von Berg, Makler und Schmidt waren Mittel- und Seitenschiffe der Kirche fast voll besetzt. Das lag wohl auch an der hochkarätigen Besetzung mit der RadioPhilharmonie Hannover unter der Leitung von John Axelrod sowie den Solisten Baiba Skride (Violine) und Christoph Pohl (Bariton). Alban Bergs zwölftöniges, jedoch in vieler Hinsicht auch tonales Violinkonzert ist an Zahlensymbolik reich und aus der Sicht des Analytikers schwer verdauliche Kost, die im faschistischen Deutschland als entartete Kunst abgestempelt wurde. Doch die emotionale Kraft dieser Musik wird leicht fassbar, wenn sie so fließend, leicht, mit schwerelos schwebender Grazie musiziert wird, wie es durch die Radio-Philharmonie geschah.

Die junge, aufstrebende Geigerin Baiba Skride passte gut zum Orchester. Sie setzte ihr souveränes Können zugunsten hoffnungsbetonter Ausdruckstiefe ein und holte die programmatischen Züge von Bergs populärstem Werk zum Vorschein: Mit zärtlichem, intensivem Strich ließ sie Aspekte einer kindlichen Biographie hervorschimmern und verwandelte die tonalen Zitate in kostbare, zerbrechliche Erinnerungsmusik. Dazu gehörten, neben einem Kärntener Jodler, tänzerische Motive: ebenso entrückt reminiszierend wie die Melodie zum Sterbe-Choral Bachs.

Nicht zuletzt das feinfühlige wie energische Dirigat des John Axelrods animierte die Philharmonie zu technischer Hochform. Auf die hallige Akustik nahm er mit gemäßigten Tempi Rücksicht. Wunderbare, lyrische Klanggebilde verwoben sich mit Melodiezügen und dramatischen Exkursen in den fünf Kindertotenliedern von Gustav Mahler. Im Einklang mit dem kraftvoll runden Bariton Christoph Pohls entwarfen die Musiker transparente Stimmungsbilder, die selbst in düsteren Passagen noch in überirdisches Licht getaucht schienen.

Am Ende die monumentale 4. Symphonie des Komponisten Franz Schmidt für dessen Tochter Emma: Schmidt komponierte 1933 ein nicht nur traurig anmutendes Werk von bizarrer Schönheit, dessen verklärte und positiv-melodische Seite die Überhand gewann. Axelrod bedankte sich für den aufbrausenden Schlussbeifall und nahm seine vier Monate alte Tochter in den Arm. "In ihrem Namen" verbeugte er sich vor dem Publikum: "Ich möchte dieses Konzert all den Kindern widmen, die in Konflikten und Kriegen ihr Leben verloren haben. Und ich bitte Sie, im Gedenken an diese Kinder die Kirche schweigend zu verlassen."


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