John Axelrod






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23 Oct 2012
Dirigent John Axelrod schreibt über Zukunftsmusik
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Literatur

Dirigent John Axelrod schreibt über Zukunftsmusik

Dienstag, 23.10.2012, 14:50

dpa / Grzegorz Michalowski

Dirigent John Axelrod fordert Wandel der Klassik-Orchester.

Klassik-Orchester müssen sich neu erfinden. Nach dem Vorbild kleiner Privatensembles sollten die philharmonischen Musiktanker wendiger werden, fordert der Dirigent John Axelrod.

„Meine Damen und Herren, das Geld ist schon überwiesen, wir fangen mit der Aufnahme an!“ Mit diesem Spruch soll Herbert von Karajan bei den Wiener Philharmonikern einmal zur Probe angetreten sein – die Stimmung unter den Musikern hob sich sofort. Geld und Musik gehören zusammen, aber ohne Publikum läuft nichts, erklärt der amerikanische Dirigent John Axelrod (46) in seinem neuen Buch über das Musikgeschäft, in dem auch die Karajan-Anekdote steht.

 

Für den Dirigenten, der bei Leonard Bernstein lernte, dreht sich zwar nicht alles um Geld. Doch wenn in Zukunft noch klassische Musik zum Kanon gehören soll, sei es höchste Zeit zu handeln – vor allem für die Orchester. Auf dem Weg vom 19. Jahrhundert in die youTube-Zeit sei der Konsens verloren gegangen, dass Bach, Beethoven und Brahms irgendwie auch dazugehören.

 

Doch warum sollen alle Steuerzahler für Oper, Ballett oder Theater aufkommen, wenn vergleichsweise nur wenige hingehen? Axelrod stellt Fragen, die auch die jüngst erschienene Kampfschrift „Der Kulturinfarkt“ stellte und die die Szene in Aufruhr versetzten. „Das Bildungsbürgertum hat nicht mehr die Deutungshoheit über das, was wir als Kultur verstehen“, beschreibt Axelrod das Dilemma der Kulturpolitik.

 

Die Orchesterlandschaft schrumpft immer weiter – von 168 im Jahr 1992 auf zuletzt 131 Ensembles. Dabei ist die Bundesrepublik noch gut dran. In den USA werden Orchester ausgeblutet: Das legendäre Philadelphia Orchestra hat Insolvenz angemeldet. Um sich über Wasser zu halten, spielt das Cleveland Orchestra immer öfter im reichen Miami als „Cleveland Orchestra Miami“.

 

„Heute wird Klassik definiert als die Musik toter, weißer europäischer Männer, die für eine moderne Bevölkerung kaum mehr von Belang ist“, diagnostiziert Axelrod in seinem an vielen Anekdoten reichen und mit Witz geschriebenen Buch „Wie großartige Musik entsteht ...oder auch nicht“ (Bärenreiter Henschel). Der Amerikaner war Orchesterchef in Luzern, dirigiert regelmäßig in London, Paris, Leipzig und Berlin und leitet in Frankreich das Orchestre National des Pays de la Loire und in Mailand das Orchester La Verdi.

 

Für die meisten Menschen sind Oper, Sinfonien und Kammermusik eine elitäre Form von Privileg und Bildung, sagt Axelrod. Orchester sind teuer und verschlingen ein großes Budget. Gehaltsforderungen, Inflation und Schulden haben ein untragbares Umfeld für diese Musiktanker geschaffen, sagt er.

 

Der Texaner betätigt sich augenscheinlich als Nestbeschmutzer. Axelrod kennt das System von innen, weiß über Interna Bescheid und gibt einige auch preis. Vor Beginn seiner Dirigentenlaufbahn war er Manager bei einer Plattenfirma und einer Weinkellerei in Kalifornien. Er hat sich den Blick des Quereinsteigers bewahrt.

 

Die großen Orchester werde es immer geben – von den New Yorkern bis zu den Berliner Philharmonikern. Doch der Abonnent gehört zu einer aussterbenden Spezies. Vor allem für die Klangkörper in der zweiten Reihe sei das ein Problem. Sie hätten es immer schwerer, ihr Publikum, besonders die jungen Leute, zu erreichen. „Business as usual“, sagt Axelrod, geht nicht mehr. In Europa könnten sich die subventionierten Orchester nicht mehr länger nur darauf verlassen, von der öffentlichen Hand unterstützt zu werden.

 

Axelrod fordert einen Paradigmenwechsel. Es reiche nicht mehr, die Zuhörer mit dem „Mythos Maestro“ zu umgarnen. Die Zeit, als Karajan noch mit geschlossenen Augen seine Fans verzückte, sei vorbei. Eine neue Dirigentengeneration dränge auf die Podien. Sie habe die Chance, den Trend umzukehren und eine neue Beziehung zum Publikum aufbauen. „Solange die Orchester der Ansicht sind, sie wüssten es besser als ihr Publikum, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn das Publikum sie nicht länger unterstützt.“

 

Als Gegenbeispiel nennt er Gustavo Dudamel (31), Orchesterchef in Los Angeles. Als Spross des erfolgreichen Bildungsprojekts „El Sistema“ in Venezuela, habe er in der Multikulti-Metropole einen Draht zu neuen Zuhörergruppen, etwa den Latinos, gefunden. Mit Werbung in mehreren Sprachen, einem flexiblen Repertoire aus Klassik und Crossover sei das LA Philharmonic das erfolgreichste Orchester der USA.

 

Was Axelrod vorschlägt, mag für manchen in einer hochsubventionierten Kulturlandschaft wie ein Sakrileg klingen. Kleine private Ensembles, wie das Orchester La Verdi, das niederländische Anima Eterna oder das Mahler Chamber Orchestra, die sich der Kunst und nicht (nur) der Kasse widmen, könnten neu definieren, wie die Klassikmusik doch noch im 21. Jahrhundert überleben könnte. Hippe Veranstaltungsorte wie „Le Poisson Rouge“ in New York oder „Yellow Lounge“ in Berlin seien dafür durchaus geeignet. Denn: „Große Konzertsäle wurden für Ensembles mit großen Budgets gebaut.“

John Axelrod, „Wie großartige Musik entsteht ... oder auch nicht“, Bärenreiter Henschel, ISBN 978-3-89487-917-4, 160 Seiten, 19, 95 Euro

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