John Axelrod






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1 Oct 2008
John Axelrod «Entertainment interessiert mich nicht»
Luzerner Theater

John Axelrod, Sie haben in einem Radio-Interview verwundert festgestellt, dass alle Chefdirigenten Luzern jeweils nach fünf Jahren verlassen. Was ist Ihre Antwort? John Axelrod: Ich weiss es nicht. Aber meine Äusserung wurde im Radio ohnehin im falschen Zusammenhang zitiert. Auf die Frage, warum ich Luzern verlasse, habe ich lediglich festgestellt, dass das nichts Aussergewöhnliches ist. Alle meine Vorgänger sind nach höchstens fünf Jahren von Luzern weggegangen.

Bleibt das Luzerner Sinfonieorchestr (LSO) ein Sprungbrett, weil es mit «nur» 70 Stellen für langfristige Engagements unattraktiv ist? Axelrod: Nein, mit dem Orchester hat das nichts zu tun, dieses ist nicht bloss ein Sprungbrett. Im Gegenteil, der grosse Erfolg beim Publikum und bei Kritikern bestätigt, dass es in den letzten fünf Jahren nochmals an Qualität zugelegt hat. Das Repertoire, auch im klassisch-romantischen Bereich, ist grösser, ebenso die Kompetenz im Zusammenspiel.

Sie selbst haben vor fünf Jahren eine langfristige Aufbauarbeit in Aussicht gestellt, falls die Chemie stimme. Stimmte sie nicht? Axelrod:Nein, inzwischen hat sich einfach die Situation geändert, weil sich für mich andere Gelegenheiten ergeben haben. Aber ich bin Stolz auf das, was wir hier geleistet haben. Die Musiker geben ihr Bestes, und einige Projekte, die wir hier erarbeitet haben, mache ich jetzt in der halben Welt. Zum Beispiel Bernsteins Kaddish-Sinfonie, die wir auch auf CD herausgegeben haben: Das ist mein halbes Leben.

Sie wurden damals auch geholt, weil Sie in Texas mit neuen Klassik-Formaten experimentierten - bis hin zur Oper im Shopping-Center. In Luzern blieb es bei kulinarischen Lifestyle-Ergänzungen und dem U25-Club für junge Konzertbesucher. Weshalb? Axelrod:Ich hatte nie im Sinn, hier in diese Richtung zu gehen, und die Lifestyle-Angebote waren eine Idee des Direktors Numa Bischof, damit hatte ich nichts zu tun. Der Grund ist einfach: Luzern hat kein Problem mit seinem Publikum. Im Gegenteil: Hier hat klassische Musik quasi ein Heimspiel, es gibt ein breites Fundament an interessierten Konzertbesuchern und trotz dem KKL nicht zu viel Konkurrenz. In einer grossen Stadt wie Houston in Texas, wo es viele Immigranten, ein riesiges Angebot und viele Leute gibt, die sich ein Konzert nicht leisten können, ist das ganz anders.

Am Luzerner Theater dirigieren Sie morgen Ernst Kreneks Operette "Kehraus um St. Stephan" aus den 20er Jahren, die böse Gesellschaftssatire mit populärer Tanzmusik verbindet. Was interessiert Sie mehr: die Botschaft oder das Entertainment? Axelrod:Entertainment interessiert mich nicht, auch wenn einige dieses Bild von mir haben. Interessant ist Kreneks Operette, weil sie für Wien das war, was die «Dreigroschenoper» von Brecht-Weill für Berlin. Das Stück karikiert Profitdenken und Opportunismus in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg und lässt Moderne und Monarchie, Industrielle und modische Parvenus aufeinander prallen: Das ist eine Umbruchzeit zwischen Moderne und Tradition, die Kreneks Satire auch heute unmittelbar aktuell macht, auch wenn man, wie Michael Scheidl in unserer Inszenierung, die Handlung in den 20er Jahren belässt.

In Brecht-Weills Dreigroschenoper haben sie, ebenfalls im Luzerner Theater, die Darsteller mit Schauspielern besetzt, im Kehraus singen Sängern. Warum? Axelrod:Krenek verwendet zwar die Modetänze seiner Zeit, um Situationen und Figuren zu charakterisieren und zu karikieren vom Tango über Polkas bis hin zum Walzer. Mit diesem liegt der Ton der Oper aber auch näher an der Operette von Johann Strauss, die Musik ist gemächlicher im Tempo und, was den Gesang betrifft, kulinarischer.

Sie setzen sich stark für Komponisten ein, die von den Nazis diffamiert wurden.. Krenek gehört dazu, obwohl er kein Jude war. Was interessiert Sie an diesem Komponisten? Axelrod: Krenek ist ein Komponist, der erst noch entdeckt werden muss, unter anderem weil er in seinem langen Leben immer wieder neue Wege ging - bis hin zur Beschäftigung mit Elektronik. Diese Vielseitigkeit zeigt sich stilistisch in «Kehraus um St. Stephan» nicht nur in der Anlehnung an Populärmusik und Jazz. Die Partitur ist voller Anspielungen auch an Schubert, Beethoven, Mahler und Richard Strauss.

Dies ist ihre letzte Premiere im Luzerner Theater. Wie sehen Ihre Zukunftspläne nach dieser Saison aus? Axelrod: Ich habe das Glück, dass meine Arbeit als Dirigent von vielen Agenten und Veranstaltern offenbar geschätzt wird. Das gibt mir die Möglichkeit, mit bisheriges Profil weiter zu entwickeln, ohne mich vorerst an eine feste Stelle zu bilden. Bei einer solchen ginge es auch darum, Familie und Beruf, auch jenen meiner Frau, optimal zu verbinden. Das geht jetzt, wo wir in Strassburg leben, erfreulich gut. Und ich sage es ganz ehrlich: Das Wichtigste, was ich in den letzten fünf Jahren erleben durfte, war nicht diese oder jene Beethoven-Sinfonie, sondern die Tatsache, dass ich meine jetzt fünfjährige Tochter aufwachsen sehen durfte. Ich bin eben nicht nur als Musiker ein sehr emotionaler Mensch.


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