John Axelrod






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13 Aug 2012
LIEBHABER-Der Sinn Meines Lebens
NZZ Folio

LIEBHABER

Der Sinn meines Lebens

Er sitzt auf dem Dirigentenstuhl, schwar- zer Schal über weissem Hemd, flache Cow- boystiefel, und dirigiert mit ausholender Geste und freundlichen Worten. Immer wieder unterbricht er das Spiel, bittet auf französisch um klarere Akzente hier und mehr Tempo dort, ruft «Silence, s’il vous plaît!», lobt grosszügig, lauscht den Rück- meldungen des Aufnahmeleiters, diskutiert mit dem Cello und beginnt von neuem. Hin und wieder reisst es ihn vom Stuhl, und fast sieht es aus, als wollte er tanzen.

Armes kleines Häschen

Abends im Restaurant Le Square, nach ei- nem langen Tag, zeigt Axelrod nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen. Er begrüsst den Chefkoch wie einen verloren geglaubten Bruder, studiert aufgeregt die Tagesgerichte an der Wandtafel, überlegt laut – Kalbsbraten oder Kalbsleber, oder doch den Saint-Pierre, nein, ich hatte mit- tags Thunfisch, also lieber Fleisch, oder «ein armes kleines Häschen» – Axelrod spricht auch Deutsch – und entscheidet sich nach sorgfältigem Hin und Her für die Kalbsle- ber, allerdings ohne Champignons, lieber mit grünem Gemüse und als Vorspeise Spargeln. Dazu einen Merlot, «Christophe!» ruft er dem Sommelier zu, «du weisst schon, welchen!» Dann lehnt er sich zurück, reibt sich die Hände, sagt: «Da wartet eine gute Mahlzeit auf uns!»

Man müsse den Charakter einer Nation verstehen, um in einem Land Musik machen zu können, sagt Axelrod. Die Mentalität durchdringe ein Orchester, manifestiere sich in ihm. «Die Brüder Pérou zum Beispiel, die Chefs in diesem Restaurant, würden ohne mit der Wimper zu zucken bis vier Uhr mor- gens arbeiten, wenn es sein muss», sagt Axel- rod, «Essen und Wein sind Lebenskunst in Frankreich. Aber zur Musik haben die Fran- zosen eine eher funktionale Haltung. ‹You pay, we play. Aber lass uns bitte nicht zu hart arbeiten.› So läuft das.»

Ein Orchester und sein Dirigent seien immer auch Spiegel der Gesellschaft. «In einer Diktatur hast du auf dem Podium ei- nen Diktator, in einer Demokratie wird viel diskutiert.» In der geordneten Schweiz zum Beispiel stritten die Musiker unerbittlich über 32stel-Noten, in Italien hingegen, wo der Alltag Improvisation verlange, zeige sich viel Gespür für den Charakter eines Stückes. Und – erstaunlicherweise – mehr Disziplin und Bereitschaft zur Selbstverantwortung als anderswo. Sagt der Maestro aus Texas.

John Axelrod leitet das Orchestre National des Pays de la Loire. Nach Frankreich ging der Dirigent, weil er dort findet, was er über alles liebt: gutes Essen und guten Wein.

John Axelrod hat schon eine Idee, wie dieser Artikel anfangen könnte, nämlich mit dieser Anekdote: Als er mit seinem Orchester, dem Orchestre National des Pays de la Loire, kurz ONPL, den «Nussknacker» von Tschaikowski probte, stellte er fest, dass die Musiker nach einer Woche alles vergessen hatten. «Wie kann das sein?» habe er sie gefragt, und die Oboe habe mit der Schulter gezuckt und geantwortet: «On mange, on boit, on dort.» «Und genau so ist es!» ruft Axelrod. Diese Arbeitshaltung sei nicht leicht zu ertragen, dennoch liebe er die Franzosen dafür. «Wenn Sie also wissen wollen, warum ich hier bin – deswegen: On mange, on boit, on dort.»

Der Mann ist ein Ausbund an Energie, ein Naturereignis, eines, neben dem die Trommel, die an diesem verregneten Donnerstagmorgen im Kongresssaal von Nantes zum Auftakt einer Fanfare von Ravel wirbelt, kraftlos wirkt wie Nieselregen. Die Musiker scheinen noch nicht ganz wach zu sein oder schon halb in den Ferien. Nur einer ist Feuer und Flamme für das Kinderballett «L’Eventail de Jeanne», das hier auf CD auf- genommen werden soll: John Axelrod.

«Jeanne Dubost war sozusagen die fran- zösische Alma Mahler, eine Inspiration für viele Künstler», erklärt er. Sie führte in den zwanziger Jahren eine Ballettschule für Kinder in Paris und bat zehn befreundete Komponisten, je ein kleines Tanzstück zu schreiben. Als Symbol zerbrach sie einen Fächer und überreichte jedem einen Stab, daher der Name: «Jeannes Fächer». Bis heu- te sei eigentlich nur die Fanfare von Ravel bekannt, sagt Axelrod, aber alles andere – darunter eine Polka von Milhaud, eine Sa- rabande von Roussel, ein Walzer von Ibert – sei seit der Uraufführung 1927 in Madames Salon kaum gespielt worden. «Die Franzosen wissen ihre eigenen Künstler nicht zu schät- zen», sagt Axelrod. Zum Glück ist er jetzt da.

Axelrod konnte in den letzten zwölf Jahren durchaus den Vergleich anstellen, er hat 150 Orchester rund um den Globus dirigiert. Nach seiner Ausbildung am Konservatorium in St.Petersburg gründete er das Orchestra X in Houston, dort traf er den Dirigenten Christoph Eschenbach, wurde dessen Assistent beim «Schleswig-Holstein Musik Festival» und in Bayreuth. Danach war er fünf Jahre lang Chefdirigent des Lu- zerner Sinfonieorchesters, bevor das ONPL ihn nach Nantes und Angers holte.

Nebenbei dirigiert er das Orchestra Sinfonica di Milano, ist musikalischer Leiter der Galakonzerte «Hollywood in Vienna» mit dem ORF-Radio-Symphonieorchester Wien und tourt mit Lang Lang und Herbie Han- cock. Seine anthropologischen Erkenntnisse aus all diesen Erfahrungen hat er sogar in einem Buch zusammengetragen: «Wie gross- artige Musik entsteht – oder auch nicht. Ansichten eines Dirigenten.»

Lillie machte Brownies mit Liebe

Was zuerst da war, die Liebe zur Musik oder die zu Speis und Trank, lässt sich nicht ein- deutig sagen. John war sieben, als seine Mut- ter ihm erlaubte, einen Schluck Chianti aus ihrem Glas zu probieren. Er wuchs als Sohn wohlhabender Juden in Houston, Texas, auf, «mein Vater ist Investmentbanker und Republikaner», sagt er, «meine Mutter ein Freigeist mit Sinn für Kunst und Kultur». Je- denfalls begründete dieser Schluck Chianti eine seiner schönsten Erinnungen: Nie zu- vor hatte er in «Antonio’s Flying Pizza» die Pizza derart fliegen sehen.

Jahre später hatte Axelrod eine Lebens- mittelvergiftung, worauf ihm nichts mehr schmeckte und er nichts mehr ass. Die Eltern schickten ihn zu einem neurolinguistischen Programmierer, der dem Jungen mit dem perfekten Gehör half, zwischen Gehör und Geschmackssinn Brücken zu bauen. «Nun höre ich, was ich schmecke, und ich schme- cke, was ich höre», sagt Axelrod. Der Appetit kehrte zurück und ist nie mehr gewichen.

Klavier zu spielen begann Axelrod mit fünf Jahren, als Teenager entflammte er für «Tristan und Isolde», mit sechzehn genoss er das Privileg, von Leonard Bernstein, der da- mals in Houston seine Oper «A quiet time» zur Aufführung brachte, in Privatstunden in das musikalische Handwerk eingewiesen zu werden. Später studierte Axelrod in Harvard Musik. Die klassische Musik war also immer da gewesen und durchaus wegweisend, doch Axelrod machte noch einen Abstecher.

Er ging nach Los Angeles und wurde Trendscout beim Plattenlabel BMG, für das er unter anderem die Smashing Pump- kins entdeckte. Das Schönste an seinen Rock ’n’Roll-Jahren sei das Spesenkonto ge- wesen, sagt Axelrod, mit dem er die Künst- ler zu sechsgängigen Menus in die besten Restaurants der Stadt einladen konnte. Als dann die Robert Mondavi Winery einen Mann suchte, der Kunstausstellungen, Konzerte und Events organisierte, war Axelrod ihr Mann. Sein Job: Essen und Trinken.

Er legte in kurzer Zeit zwölf Pfund zu, trank mehr, als ihm guttat, konsumierte viel, kreierte nichts, wurde todunglücklich. Doch dann hatte Axelrod eine Offenbarung. Bei ei- nem Dinner erzählte er der Frau von Robert Mondavi, wie sehr er die klassische Musik vermisse. Sie sagte nur: «Du musst deinem Stern folgen.» Auf dem Heimweg sei er so aufgewühlt gewesen, dass er anhielt und aus dem Wagen stieg. «Über dem Napa Valley funkelten die Sterne, es war absolut still. Ein göttlicher Moment. Als ich weiterfuhr und das Radio einschaltete, erklang das Prélude von ‹Tristan und Isolde›. Das habe ich als Zeichen genommen», sagt Axelrod. Er ging nach Europa und wurde Dirigent.

Einer allerdings, dem Speis und Trank noch immer als Leitstern dienen. «Es klingt vielleicht seltsam, aber wie die Musik und wie meine Tochter geben Essen und guter Wein meinem Leben Sinn. Sie sind ein Grund zu leben. Sie sind Antwort auf exis- tentielle Fragen.»

Und «o ja!» Er kocht auch selbst, und zwar mit Vorliebe italienisch, «nichts geht über selbstgemachten Sugo». Axelrod hat extra einen Kochkurs bei Lorenza de Medici in der Toscana absolviert. Und weil er auch auf Reisen am liebsten authentisch italienisch isst, arbeitet er seit Jahren an einem Guide für gute italienische Restaurants ausserhalb Italiens, 450 Kritiken hat er schon geschrieben. «Alla famiglia» zu essen liebe er so sehr wie jeden Gourmetschmaus.

An diesem Abend allerdings ist er nicht zufrieden. Die Foie de veau war nicht zart genug und wurde versehentlich doch mit Champignons serviert. Der Merlot und zum Dessert eine französisch-raffinierte Variation eines Brownies trösten ihn. Lillie, Axelrods Nanny in Kindertagen, habe oft Brownies gemacht und ihn die Schüssel ausschlecken lassen, erzählt er. «Sie kochte mit Liebe. Nur darum geht es.»

Anja Jardine

 

FOLIO 8/2012


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