John Axelrod






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1 Nov 2012
WIE GROßARTIGE MUSIK ENTSTEHT....
AUDIOPHIL VIS-A-VIS

VIS-A-VIS

Wie großartige Musik entsteht ...

JOHN AXELROD

 

Er war Zögling von Leonard Bernstein, A&R bei Atlantic und RCA Records, Leiter eines Weinguts: Brüche im Lebenslauf gehören für den Dirigenten John Axelrod zum guten Ton.

 

Sein Leben ist das ideale Beispiel für einen Patchwork- Lebenslauf: Nach einem klassischen Musikstudium arbeitet John Axelrod zunächst auf der Suche nach neuen Rockmusik-Talenten als A&R-Manager in Los Angeles, dann als Direktor des Robert Mondavi Institute for Wine and Food Science. Heute ist er musikalischer Leiter des Orchestre National des Pays de la Loire und Erste Dirigent des Orchestra Sinfonica di Milano "Giuseppe Verdi".

 

Ann Kathrin Bronner: Herr Axelrod, hätten Sie mit Ihrem Lebenslauf überhaupt die Chance, einen anderen Job außer als Dirigent zu bekommen?

 

John Axelrod: Ich könnte mich bestimmt nicht bei einer Bank bewerben. Und ich bin wahrscheinlich auch der einzige klassische Dirigent auf der Welt, der einen Hintergrund als A&R für Rockmusik bei einem Plattenlabel und als Manager eines Weinguts hat. Aber ich hatte als Teenager eben auch die Möglichkeit, bei Leonard Bernstein zu studieren. Und Bernstein hat schon zu meiner Familie gesagt, dass ich ein Dirigent werden würde. Meine Mutter fragte ihn: Warum sind Sie so sicher, dass er Dirigent und nicht Pianist werden wird? Und er sagte: Weil er die Menschen zu sehr liebt. Wie ich. Und unser Instrument sind Menschen. Ein Instrument ist kein menschliches Wesen. Daher spielen die Orchestermusiker die Instrumente und ich spiele die Musiker. Das ist der Job eines Dirigenten.

 

AKB: Das klingt jetzt recht einfach.

JA: Natürlich brauchen Sie die Technik, Sie brauchen den Background, die musikalischen Kenntnisse, den historischen Durchblick. Aber vor allem müssen Sie vor einem Orchester stehen und es irgendwie inspirieren.

 

AKB: Auch eine bestimmte Atmosphäre schaffen?

JA: Eine Atmosphäre schaffen, damit die Musiker ihr Bestes geben.

 

AKB: Und ein Instrument aus allen Musikern formen?

JA: Sie formulieren es besser, als ich es könnte! Als Dirigent möchten Sie mit einem Orchester eigentlich Kammermusik machen. Sie möchten, dass Sie eine Violine hören anstelle von sechzehn. Sie möchten einen gemeinsamen

Atem schaffen. Doch als Bernstein zu mir sagte: Du wirst ein Dirigent wie ich werden, wenn also Ihr Held sagt: Du wirst so werden wie ich!, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder folgen Sie Ihrem Helden – oder Sie gehen in die entgegengesetzte Richtung. Ich habe gesagt: Es gibt nur einen Leonard Bernstein. Ich könnte nie ein zweiter Bernstein werden, und bin in die andere Richtung gegangen. Gut, ich ging nach Harvard, wo er auch war, also bin ich ihm doch irgendwie gefolgt. Aber ich habe dann eben in einer Rock-’n’-Roll-Band gespielt.

 

AKB: Das ist cool!

JA: Unbedingt! Und das hat mir geholfen herauszufinden, was ein Konzerterlebnis für junge Menschen erfolgreich macht. Ich habe das interaktive Umfeld verstanden, die Dynamik, die hinter dem Klatschen, Singen, Tanzen steckt, die das Erlebnis auch für das Publikum so kreativ macht wie für die Künstler auf der Bühne. Sie werden nur sehr selten ein Orchester sagen hören: Oh, heute Abend war es ein gutes (oder schlechtes) Konzert wegen des Publikums! Aber jede Rock-Band wird den Erfolg daran messen, wie sich das Publikum eingebracht hat, wie interaktiv, wie engagiert es war. Dieses Konzept der Interaktion zu verstehen war wirklich wichtig für mich.

 

AKB: Was macht ein Konzert denn so besonders?

JA: Es ist eine eher metaphysische Erfahrung. Wissen Sie, wir werden in der Musik von Mathematik beherrscht, wir werden von Zeit beherrscht. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Es geht um vier Viertel, drei Viertel, Viertelnoten, Sechzehntel, um all diese mathematischen Angaben, mathematischen Gleichungen. Aber von dem Moment an, an dem Sie anfangen zu spielen, bis zu dem Moment, an dem Sie aufhören, sind Sie außerhalb der Zeit. Sie sind in einer Art freier Erkenntnisfluss. Wie Gurus, die meditieren, wie eine paranormale Erfahrung.

 

AKB: Manche Dirigenten sagen, dass sie sich in einen anderen Bewusstseinszustand versetzen.

JA: Genau! So ist es auch! Und ich denke, dass das etwas ist, was nicht ersetzt werden kann. Deshalb ist die Live-Erfahrung so wichtig. Wenn wir also unser Publikum heranziehen und aufbauen möchten, müssen wir innovative Programme bieten. Und gerade mein Background hat es mir erst ermöglicht, ein so vielseitiges Repertoire zu haben.

 

AKB: Es gibt auch andere Dirigenten, etwa Sir André Previn, die ebenfalls ein sehr breit gefächertes Repertoire haben.

JA: Er ist sicherlich ein anderes gutes Beispiel. Aber auch André Previn wurde für seine Aktivitäten außerhalb der Klassik kritisiert. Wie viele von uns. Ich bin nicht überrascht, dass solche Aktivitäten Puristen in diesem sehr kleinen Klassik- markt verwirren. Aber ich behaupte, dass im 21. Jahrhundert Orchester und Künstler flexibler sein MÜSSEN: Sie müssen facettenreicher sein, sie müssen neue Wege finden, um klassische Musik zu präsentieren.

 

AKB: Glauben Sie, dass Beethoven pur junge Menschen heute nicht mehr anspricht?

JA: Beethoven ist nicht das Problem. Es ist die Art, wie Beethoven präsentiert wird, mit der viele junge Menschen ein Problem haben. Wenn wir einen Weg finden, sie anzulocken, können wir ein zukünftiges Publikum heranziehen. Wenn wir also Filmmusik und Klassik kombinieren müssen oder Techno und Klassik oder Jazz und Klassik, habe ich damit kein Problem. Einige Puristen möglicherweise schon. Aber sie hatten auch ein Problem mit Luciano Pavarotti, wenn er im Stadion vor 50.000 Menschen gesungen hat. Ich habe immer gedacht: Er singt doch nach wie vor, ob es nun 5.000 oder 50.000 Menschen sind. Warum macht es ihn plötzlich verdächtig, wenn es 50.000 Menschen sind?

 

AKB: Woran liegt das?

JA: Ich denke, dass unsere Industrie Erfolg gegenüber misstrauisch ist. Ganz ehrlich! In dem Moment, in dem jemand Erfolg hat, lehnen sie ihn ab. Sie möchten die Klassik in einem sehr kleinen Marktsegment halten, denn diejenigen, die ein großer Fisch im kleinen Teich sind, möchten auch der große Fisch bleiben.

 

AKB: Glauben Sie, dass populäre Musik das heutige Leben also insgesamt besser widerspiegelt als Klassik?

JA: Ich glaube, dass beide die Gesellschaft widerspiegeln, der sie dienen. Nur hat Popmusik eine größere Reichweite. Was populäre Musik so populär macht ist die Tatsache, dass sie die Zuhörer einlädt. Klassische Musik hat sich den Zuhörern zunehmend entfremdet, um ihre Existenz gegen die eindringende populäre Musik zu rechtfertigen. Als Dance, Jazz, Big Band immer näher kamen, hat man gesagt: Okay, wir gehen diese Richtung weiter, denn wir müssen immer noch existieren. Wir müssen den Menschen sagen, wie wichtig wir sind. Und wenn manche Menschen uns nicht mögen, ist es sogar noch besser, denn das zeigt den anderen, die uns mögen, wie clever wir sind.

 

AKB: Meinen Sie, dass das eine Sackgasse war?

JA: Die Welt ist immer weniger intellektuell ausgerichtet. In Amerika gilt allein der Gedanke, intellektuell zu sein, beinahe schon als unpatriotisch. Elitär. Sogar kommunistisch. Ich komme aus Texas. Hier sagen die Menschen: Nukular. Und nicht nuklear. Wenn ein Politiker ebenfalls nukular sagt, ist er volksnah, selbst wenn es falsch ist. Aber ein Politiker wird das tun, was notwendig ist, damit die Menschen ihn mit offenen Armen empfangen. Und auch Popmusiker werden das tun, was nötig ist, damit das Publikum sie mit offenen Armen aufnimmt.

 

AKB: Aber sind Popmusiker dadurch näher an den Menschen dran?

JA: Das ist die Frage, die ich auch Leonard Bernstein gestellt habe: Soll ich Popmusiker oder klassischer Musiker wer- den? Das, was für mich etwas bedeutet, ist Kommunikation. Kontakt mit dem Publikum. Ich komme aus einer darstellenden Kunstform. Ich bin kein bildender Künstler, ich male kein Gemälde, das Sie an die Wand hängen können. Musik existiert nicht an einer Wand. Sie können sie nicht sehen.

 

AKB: Und wenn niemand sie hört und schätzt?

JA: Wenn sie niemand atmet und spielt, existiert sie nicht. Wenn sie niemand hört, ebenfalls. Wir müssen etwas sehr Wichtiges verstehen: Es geht nicht nur darum, eine Wertschätzung für klassische Musik zu erreichen. Es geht darum, ein neues Publikum zu gewinnen. Wenn niemand ins Konzert kommt, werden wir in Zukunft keinen Job mehr haben. Sie können nicht voraussetzen, dass die Menschen, wenn sie älter werden, automatisch zur klassischen Musik finden wie zur Religion. Früher gab es drei Fernsehkanäle und drei Radiosender. Heutzutage gibt es zu viele Möglichkeiten, zu viele Ablenkungen. Menschen leben länger, sind gesünder. Sie müssen nicht ins Konzert gehen, sie gehen klettern oder Ski fahren. Sie können all diese anderen Dinge machen, auch mit 65. Wenn sie in Rente gehen, warum sollten sie dann plötzlich ins Konzert kommen? Das kann man nicht mehr voraussetzen.

 

AKB: Aber was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

JA: Wir müssen verstehen, dass klassische Musik ein Service für die Hörer ist. Irgendwann im 19. Jahrhundert, wahrscheinlich beim Wagnerkult, hat sich das verschoben. Irgendwann stand das Publikum plötzlich im Dienste des Künstlers. Es kam herein, setzte sich hin, war ruhig wie in einer Kirche. Ein heiliges Ambiente, das nicht für einen interaktiven Austausch gedacht ist.

 

AKB: Aber meinen Sie, dass sich die Klassik in den Dienst des Publikums stellt, nur weil plötzlich gemischte Programme präsentiert werden? JA: Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich dirigiere auch Mahlers Neunte und die Sinfonien von Brahms. Das ist die wichtigste Musik für mich. Aber es gibt da draußen eben auch andere großartige Musik, die eine Ergänzung für das Kernrepertoire sein kann – und keine Störung. Viele Puristen haben Angst, dass wir bei der Qualität der Musik Kompromisse eingehen. Aber es geht allein um die Frage der Präsentation. Und da sich die Präsentation ab dem 18. Jahrhundert weiterentwickelt hatte, warum sollten wir dann heute im 20. Jahrhundert stehen bleiben? Musik ist ein lebendiger Organismus. Musik muss sich weiterentwickeln.

 

AKB: Was hat sich sonst noch weiterentwickelt?

JA: Im Zeitalter von Karajan, Furtwängler, Klemperer gab es auf der Erde Diktatoren. Wenn es auf der Erde Diktatoren gibt, gibt es auch Diktatoren auf dem Podium. Heute haben wir Obama und Merkel. Es gibt weibliche Dirigenten. Wir hören hin, wir führen Dialoge, wir kooperieren, wir finden Lösungen. Ich denke, das Wichtigste, was man an Musik verstehen muss, ist, dass sie die Fähigkeit hat, die Wahrheit zu er- zählen. Und diese Fähigkeit der Kunst – nicht nur der Musik, auch von Poesie, Malerei, Theater –, einen Spiegel hochzuhalten und zu sagen: Das ist Menschlichkeit, gilt es zu bewahren. Musik spiegelt unsere Menschlichkeit wider. Die größten Mahler-Sinfonien, Brahms-Sinfonien, die Ode an die Freude, sie reflektieren die größte und strahlendste Philosophie von Menschlichkeit.

 

AKB: Kann das nur klassische Musik?

JA: Ich versuche nicht zu sagen, dass Brahms besser ist als die Beatles. Aber das, was Brahms uns gibt, ist die höchste Stufe menschlicher Schöpfung. Die Struktur, die Architektur, die Farbe, das Design, der Rhythmus, die Energie, die Phrasierung: Klassik ist wie ein großartiges Kunstwerk, ein großartiges Konzept. Die höchste Stufe der Schöpfung.

 

AKB: Glauben Sie, es ist Ihre Berufung, Musiker und Dirigent zu sein, um diese höchsten Errungenschaften der menschlichen Schöpfung an die Menschen weiterzugeben?

JA: Hier muss ich Lenny wieder ins Spiel bringen: Der einzige Zweck, Musiker zu sein, ist es, die Liebe zur Musik zu teilen. Und Carlos Kleiber, den wahrscheinlich besten Dirigenten aller Zeiten: Es gibt nur drei Kriterien, die Sie brauchen, um zu dirigieren: Atem, Pflege und Liebe! Das ist alles! Natürlich hat er an sechs Tagen fünf Stunden geprobt. Das ist viel Pflege. Und natürlich müssen Sie atmen, sonst gibt es keinen Klang. Aber die dritte Zutat, die häufig in der klassischen Musik fehlt, ist Liebe. Die Leidenschaft von dem, was wir fühlen, zu teilen. Mit dem Publikum, mit den Musikern, mit Studenten. Lenny war der größte Lehrer und Kommunikator, den es je gegeben hat. Und sein gesamter Fokus lag auf der Liebe: Gib Liebe an die Welt, und du bekommst Liebe zurück!


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