John Axelrod






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29 Jan 2011
Wechselbad Drier Grosser Namen
Klassik.com

Kritik zu Welt des Orients

Wechselbad dreier grosser Namen

Kritik von Tobias Roth

Die Thematisierung der Türkenmode im Einzugsgebiet der (Wiener) Klassik ist in letzter Zeit selbst zu einer Mode der Programmgestaltung und der Programmhefte geworden. Auch das Konzerthaus Berlin hat nun mit einem solchen Programm aufgewartet: Unter der Leitung von John Axelrod gab das Konzerthausorchesters Mozarts Ouvertüre zur 'Entführung aus dem Serail', Beethovens Drittes Klavierkonzert mit Fazil Say als Solist sowie Haydns Symphonie Nr. 100. Neben den klassischen Triumvirn stand noch eine Komposition von Fazil Say selbst auf dem Programm, das Violinkonzert '1001 Nights in the Harem' mit Patricia Kopatchinskaja.

Der Mozart kam flink und leichtfüßig daher, alles so knapp wie möglich phrasiert, auch im Mittelteil nüchtern bis schelmisch. Der Pomp des Schlagwerks wurde mit Lust entfesselt. Axelrod führte in Sachen Geschwindigkeit das Orchester zwar teilweise in die Gefahrenzonen rhythmischer Präzision, aber es gelang: Die Ouvertüre geriet zu einer einzigen, stürmisch großen Fanfare. Wie einer der deutschen Meisterreimer sagt: "Glattes Eis, ein Paradeis für den, der gut zu tanzen weiß."

Ebenso elastisch und federnd geriet Haydns Orchesterwerk, das den Beinamen "Militär-Symphonie" trägt. Hier konnte Axelrod seinen Humor ohne viele Reibungsverluste einbringen, und die wachen Musiker des Konzerthausorchesters gaben seinem Aplomb ein glänzendes Gesicht, besonders die Holzbläser. Der eilige Charme des vierten Satzes erhielt genau richtigen untergründigen Nachdruck und Schub auch etwas dunklerer Farben, in deren Kontrast sich das Sonnige abspielen konnte.

In Beethovens Klavierkonzert dominiert der Solist natürlich Geschehen und Aufmerksamkeit, wenn er nicht eine große Portion Dialogbereitschaft mit dem Orchester mitbringt. Das verbürgt zuweilen ein großes Erlebnis, war im Falle Says aber eher zu beklagen. Schon vom ersten Satz an war der Solopart zu häufig nicht scharf und genau genug geschnitten und obenhin berührt. Die Phrasen und Linien der Klavierstimme platzten plötzlich aus dem Nichts heraus und endeten abrupt in das Nichts hinein. Von einer durchgängigen Gestaltung auch der Ränder und Zusammenhänge konnte keine Rede sein. Wie die Heiterkeit der Dur-Passagen eine große Strahlkraft entfaltete, wirkten Ernst und Groll des Themas aufgesetzt. Mit Knall und Effekt, konzentriert in der Kadenz zum ersten Satz, geschah hier alles. Zeichnung und Überzeichnung - der Grat ist ja nicht so schmal, wie die Redensart ihn nahezulegen scheint, und Say übertrat ihn oft mit mehr als einem Fuß. Der Beginn des zweiten Satzes zeigte deutlich, zu welchen pianistischen, sinnlich-klanglichen Delikatessen Say in der Lage ist. Da schmeichelte dem Ohr ein tatsächlich singendes Klavier – allein, es geschah im Dienst einer viel zu dick aufgetragenen Sentimentalität. Die Einzelstelle konnte bewegen und ergreifen, aber die Stimmung des Ganzen erfuhr keine einlässliche, überblickende Interpretation. Ebenso hielt Fazil Say auch Taube über die Emotionskurve des Stückes auf dem Laufenden, ohne dabei einen Gedanken geradewegs an Beethoven zu erzeugen. Der dritte Satz war entsprechend von ungebremster, hüpfender Lustigkeit, in deren Verlauf der Kontakt zum Orchester wiederum einige Male ins Wanken gerat. Beethovens c-Moll-Klavierkonzert wurde vom Solisten also in viele kleine, unverbundene Hölzer geschnitten. Die Wahrnehmung von Zwischentönen und Zusammenhängen, den Genuss gemischter und langsam sich entfaltender Emotionen, das Interesse an Konflikten jeder Art: das traut Say dem Berliner Publikum offensichtlich nicht zu.

Das Violinkonzert '1001 Nights in the Harem' kam mit dem Führungspersonal der Uraufführung von 2008 zu Gehör. Das Stück war in sich viel schlüssiger als das Beethoven-Konzert. Wie viele Kompositionen Says ist es ein süffiges, filmmusikhaftes Werk mit reichlich Exotismus, Effekt und einem virtuosen Solopart gewürzt. Natürlich ist das Kulturindustrie wie sie im Buche steht, aber nichts behauptet das Gegenteil, sodass man sich getrost auf die instrumentale Leistung der Solistin beschränken kann. Und Kopatchinskajas Verfügungsgewalt über die verschiedenen Aspekte und Klangspektren der Geige ist bewundernswert. Virtuos und entfesselt konnte sie sich in dieser Partitur, die ihr auf den Leib geschrieben ist, austoben und streckenweise auch einen veritablen Klangzauber entfalten.

Michel de Montaigne unterscheidet zwei Arten von Gesprächen: die, die auf das "Artige und Schöne", und die, die auf das "Nachdrückliche und Gründliche" abstellen. Zwar lassen sich diese beiden grundsätzlich nicht gegeneinander ausspielen, aber der orientalische Abend im Konzerthaus hatte es zu deutlich auf den ersten Typ allein abgesehen. Das Artige und Schöne aber bedarf ebenso künstlerischer Kraft und Klugheit wie jeder andere Ansatz auch. John Axelrod hat hier wohl das meiste Talent zu Ansteckung und Beredsamkeit; nicht zuletzt, weil er die Genauigkeit im Auge und im Griff behält.

http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?task=review&PID=4214


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