John Axelrod






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9 Sep 2003
Wunderknabe/Miracle-Boy
Frankfurter Allgemeine Zeitung

George Bernard Shaw hat eine klassische musikalische Unterscheidung getroffen: "Wer kann, der spielt, wer nicht kann, dirigiert." Shaws Satz wäre nicht so gut, wäre er lediglich als Bonmot über Dirigenten zu verstehen. Dahinter verbirgt sich im Grunde das ewige Mißtrauen des Angestellten zu seinem Vorgesetzten, des physisch Schaffenden zum Theoretiker, desjenigen, der zupackt, zu jenem, der bloß schön redet, wenn man will: des Arbeiters zum Intellektuellen. Aber Shaws Satz ist nur die halbe Wahrheit. Führungsqualität, Ausstrahlung, Autorität und Persönlichkeit sind tatsächlich wichtige Eigenschaften eines Dirigenten, die kaum im Rahmen eines Hochschulstudiums erworben werden können. Von wirklichem Nutzen sind sie freilich nur dann, wenn sie sich eben mit musikalischer Kompetenz, die ein gutes Ohr einschließt, verbinden.

Der amerikanische Dirigent John Axelrod aus Houston, Texas, muß weder Shaws bissige Einschätzung noch die Fähigkeit von Orchestermusikern fürchten. Wer ihn dirigieren sieht, spürt sofort, daß hier nicht nur ein Künstler über eine fulminante Schlagtechnik verfügt, sondern eine Autorität am Werke ist, die auch skeptische Orchestermusiker zu überzeugen vermag. Der gute Eindruck, den der Dirigent auch kürzlich beim Musikfestival in Colmar gemacht hat, kommt natürlich nicht von ungefähr. Im Grunde hat John Axelrod Lehren aus der guten alten Zeit und aus der aktuellen kulturellen Situation gleichermaßen gezogen: sich nämlich - wie früher üblich - erst in der Provinz musikalisches Repertoire zu erarbeiten und - wie heute notwendig - eine umfassende Bildung zu erwerben.

Wer seine Vita anschaut, muß den Eindruck gewinnen, hier reift ein Dirigent heran, der weiß, daß es nichts gibt, was man für diesen Beruf nicht gebrauchen kann. Er ist erfolgreicher Harvard-Absolvent, hat Klavier, Komposition und Dirigieren in Amerika und St. Petersburg studiert, ließ sich an der Bostoner Berklee School in Jazz unterrichten, assistierte Leonard Bernstein bei Musiktheaterproduktionen, gründete in seiner Heimatstadt das Orchestra X, ein gemeinnütziges Ensemble zur Erschließung neuer Publikumsschichten, gab inzwischen auch selbst Dirigierkurse beim Oklahoma Summer Arts Institute, hat sich auch als Produzent von Schallplatten für Popmusik betätigt sowie als Eventberater des Weinguts Mondavi in Kalifornien.

Seit voriger Saison ist er außerdem Chefdirigent der Sinfonietta Cracovia in Krakau und nimmermüder Gastdirigent in Europa, nicht zuletzt auch in Deutschland bei den Bamberger Symphonikern, der Radio- Philharmonie Hannover, den Duisburger Philharmonikern, beim MDR- Sinfonieorchester in Leipzig sowie mit Ensembles in Frankfurt, Düsseldorf und Halle. Ein Mammutprogramm, das zwangsläufig überfordern muß? Gestern hat er mit Proben für ein Konzert mit Berg, Mahler und Franz Schmidt bei den Niedersächsischen Musiktagen begonnen. Nicht nur da, auch in Lüneburg, Hof, Nürnberg und Frankfurts Alter Oper kann man sich in diesem Jahr noch ein Urteil bilden. Dann wird vielleicht sein Name auch auf den Besetzungslisten freier Kapellmeisterpositionen hierzulande auftauchen. Der Bewegung im Musikleben könnte es guttun.


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