John Axelrod






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15 Oct 2012
«Der Dirigent muss Teil des Teams werden»
MIGROS-MAGAZIN

«Der Dirigent muss Teil des Teams werden»

Jedes Orchester funktioniert anders, je nach kulturellem Hintergrund, sagt John Axelrod in seinem neuen Buch. Der amerikanische Stardirigent über die Macht der Musiker, sein Liebäugeln mit Hip Hop und widerspenstige Orchester.

John Axelrod, in Ihrem Buch «Wie grossartige Musik entsteht … oder auch nicht» beschreiben Sie Schweizer Orchester als sehr ordnungsliebend und regelversessen. Daher fehle es an Kreativität, Leidenschaft und Ehrgeiz – harte Worte!

(lacht) Das sind natürlich Stereotypen. Es gibt selbstverständlich sehr leidenschaftliche Schweizer Musiker, genauso wie es sehr präzise italienische Musiker gibt. Allerdings beruhen Stereotypen immer auf einem Körnchen Wahrheit. Und die kulturellen Unterschiede der Länder spiegeln sich in ihren Sinfonieorchestern. So warnte mich der Intendant meines ersten Schweizer Orchesters, die Musiker ja nicht mit «meine Freunde» anzusprechen. Er fragte, wie ich genannt werden wollte, «Maestro» oder «Herr Axelrod». Ich schlug «John» vor, aber das war erst nach einiger Zeit möglich.

Also stimmen die Stereotypen doch?

Ein bisschen schon. Als Dirigent muss man erst mal die Stärken und die Schwächen seiner Musiker kennen. Nur dann kann man das Beste aus ihnen herausholen. Man muss sich also dem Orchester anpassen, sonst wird es schwierig.

 

Und was haben Sie in der Schweiz erlebt?

Es herrscht ein utilitaristischer Ansatz. Man selbst ist also persönlich verantwortlich, zum Allgemeinwohl beizutragen. Was man tut, hat Folgen für alle anderen, man muss Rücksicht nehmen. Konformität wird in der Schweiz viel höher bewertet als zum Beispiel in Frankreich oder den USA, wo Individualität dominiert. Das findet man in den Orchestern wieder.

Dann erforschen Sie also jedes Mal zuerst die Kultur eines neuen Orchesters, bevor Sie mit ihm spielen?

So ist es. Das ist umso wichtiger, als Orchesterkonzerte tendenziell ein abnehmendes Publikum haben. Wir können es uns gar nicht leisten, weniger zu bieten als das Beste.

Sie haben bis jetzt etwa 150 Orchester dirigiert, ist das viel oder üblich bei Dirigenten?

Üblich. Wir kreisen um den Globus und dirigieren. Nicht alle natürlich. Aber einige auch mehr als ich. Den Rekord für die meisten Konzerte auf verschiedenen Kontinenten in 24 Stunden hält der Russe Valery Gergiev: Es waren fünf auf fünf Kontinenten. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat.

Und wie schaffen Sie es, sich bei so vielen Orchestern immer gut genug über deren Traditionen zu informieren?

Man muss sich wie ein Student auf die Kultur eines Landes einlassen. Tolle Musik zu machen, ist mehr als die Noten auf dem Papier richtig zu spielen. Ich führe in jedem neuen Land lange und intensive Gespräche mit den Leuten und den Musikern, um zu verstehen, wie sie ticken. Ich recherchiere zuvor schon und versuche jede Stadt kennenzulernen.

Gibt es Dirigenten, die noch nach alter Schule ihr Ding durchziehen und vom Orchester erwarten, dass es einfach folgt?

Ja, aber es ist meist die ältere Generation. Allerdings gibt es auch ein paar Junge, die versuchen, die grossen Alten zu imitieren.

Es gab eine Zeit, da hatten Dirigenten eine gottgleiche Position im Orchester. Wann hat sich das geändert?

Parallel zur Politik. Als damals Könige und Diktatoren aus der Mode kamen, geschah dasselbe auch in den Orchestern. Meine Lehrer, Leonard Bernstein und Christoph Eschenbach, lernten noch unter diesem diktatorischen Regime, waren selbst aber trotz ihres enormen Renommees bereits deutlich demokratischer als ihre Lehrmeister. Ab 1968 wurde alles lockerer und liberaler, und heute sind es die Orchester, die bestimmen, wo es langgeht, nicht mehr der Dirigent. Er muss sich anpassen, diplomatisch sein und ein Teil des Teams werden.

 

Schaffen Sie das immer?

Nicht immer. Ab und zu stimmt die Chemie nicht, in Stuttgart ist mir das passiert. Es ist mir nicht gelungen, meinen Stil mit ihren Traditionen zu vereinen.

Wieso sind berühmte Dirigenten eigentlich immer männlich?

Sind sie nicht! Die Entwicklung widerspiegelt auch hier die gesellschaftlichen und politischen Tendenzen in der Welt. Da ist zum Beispiel Marin Alsop, die das Baltimore Symphony Orchestra leitet, die erste Frau, die einem grosses US-Orchester vorsteht. Oder Zhang Xian bei La Verdi in Mailand, die erste chinesische Dirigentin im Westen. Es bewegt sich einiges. Und die weibliche Präsenz tut Orchestern gut.

Wozu braucht es einen Dirigenten?

Er ist so was wie der Kapitän eines Schiffs. Er steht vorne und gibt die Richtung vor. Es ist schlicht effizienter, auf eine einzige Person vorne zu achten, als alle anderen gleichzeitig im Auge zu haben. Ein Stück weit ist er auch das Gesicht eines Orchesters. Gewisse Dinge gibt er vor, andere überlässt er den Musikern, es ist eine Frage des Vertrauens. Das auch ausgenützt werden kann. Manchmal spielt ein Orchester absichtlich schlecht

Was? Wirklich?

Oh ja, das ist eine Machtdemonstration, um dem Dirigenten zu zeigen: Wir sind nicht einverstanden mit dir.

Aber schaden sie sich damit nicht selbst gegenüber dem Publikum?

Nein. Das Publikum schiebt die Schuld in der Regel dem Dirigenten in die Schuhe. Sie haben ihr Jahresabo, nächste Woche ist es ein anderer Dirigent, da wird es sicher wieder besser sein, denken sie sich. Und wahrscheinlich ist es auch so.

“Als Dirigent muss man ein Ego haben, anders geht es gar nicht.

Die Gesten von Dirigenten sind ähnlich, aber doch immer ganz anders. Gibt es allgemein verbindliche Bewegungen?

Ein paar wenige, den Rest macht jeder, wie er will. Was durchaus dazu führt, dass die Musiker ab und zu keinen blassen Schimmer haben, was das da vorne jetzt gerade bedeuten soll.

Dasselbe gilt für den Dirigentenstab?

Genau, manche verwenden ihn, manche nicht. Ich habe immer einen. Valery Gergiev benutzt einen Zahnstocher, ich habe auch schon Essstäbchen verwendet.

Es gibt dieses Klischee, dass Dirigenten grosse Diven sind. Ist da etwas dran?

Oh ja. Wie bei allen Klischees. Wir haben alle unsere Marotten und Manierismen. Und als Dirigent muss man ein Ego haben, ein gewisses Selbstbewusstsein, anders geht es gar nicht.

 

Was sind Ihre Diva-Aspekte?

Wenn ich kein gutes Essen kriege, werde ich sauer (lacht). Nein, ich glaube, ich bin ziemlich pflegeleicht. Allerdings gibt es ein paar Basics. Ich erwarte, dass ich in meinem Ankleideraum Wasser und ein Handtuch finde. Dirigieren ist eine sehr schweisstreibende Sache, wie Sport. Es ist allerdings erstaunlich, wie oft diese beiden Dinge vergessen werden.

Wie schwierig ist die Lage für Sinfonieorchester heute?

Das kommt drauf an, wo. Die Asiaten sind ganz verrückt nach klassischer Musik aus dem Westen. Auch in der Schweiz sinkt der Marktanteil nicht allzu sehr, es ist ein Land mit gut ausgebildeten und kultivierten Menschen. Dennoch laufen die Trends gegen die sinfonischen Konzerte. Orchester sind halt einfach sehr teuer, und deren Finanzierung ist mehr und mehr in Frage gestellt, gerade seit der grossen Finanzkrise. Umso wichtiger ist es, dass wir auch relevant für das Massenpublikum sind.

Deshalb experimentieren Sie auch mit Filmmusik und Classic Rock.

Richtig. Dadurch verbreitert sich die Publikumsbasis. Dies ermöglicht es uns, auch das klassische Repertoire weiterhin zu spielen.

Sie leben seit Jahren vor allem in Europa. Verfolgen Sie die US-Politik noch?

Oh ja. Und ich werde im November auch wählen, Obama, keine Frage. Falls Romney gewinnt, würden die Künste noch stärker unter Druck kommen.

Sind Sie eigentlich mit Obamas Berater David Axelrod verwandt?

Bin ich tatsächlich! Allerdings über so viele Ecken, dass es gar nicht richtig nachzuvollziehen ist. Wir kennen uns auch nicht persönlich.

Welche Musik hören Sie, wenn Sie sich in Ihrer Freizeit entspannen wollen?

Das kommt auf meine Stimmung an. Oft höre ich Pianomusik, weil ich es ein bisschen vermisse, selbst zu spielen. Und in letzter Zeit habe ich mit Hip-Hop angefangen. Ich plane eine Hip-Hop-Version der Oper «Porgy & Bess».

Haben Sie manchmal auch die Nase voll von Musik?

Absolut. Dann vermeide ich es zwei, drei Tage lang, auch nur eine Note zu hören. Das brauche ich, um meine Batterien aufzuladen. Musik ist mein Leben, aber ich will davon nicht aufgefressen werden. Sonst bin ich nicht mehr kreativ.

John Axelrod: Wie grossartige Musik entsteht … oder auch nicht. Henschel-Verlag, 2012.


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