John Axelrod






THE SYMPHONY ORCHESTRA IN CRISIS: A CONDUCTOR'S VIEW

I am so pleased to announce the release of my book: The Symphony Orchestra in Crisis: A Conductor's View, published by Naxosbooks.

Many people have asked why I wrote the book. I was reluctant to publish it. At first I sent to Henschel, the most important performing arts publisher in Germany, my Autentico Italiano book. When they rejected it as better suited for a website (which is true, see the project info and autenticoitaliano.info), I mentioned I had written a book on the anthropology of the orchestra. They read it and voila! they offered to publish. I knew it would have risks, to expose what happens backstage, and how we can restore public confidence in our orchestras and culture. But I also believed no risk meant no gain. We are all hoping for the same thing: the survival of classical music performance. And if my reflections might offer a small contribution to the discussion and foster greater media awareness, industry debate and public involvement, then it was worth the risk. I appreciate the Spiegel summary below that compares Brendel's book, my book, Hope's book and all others which are intended to develop audiences for classical music. But lets take it one step further. My book is focused on the public at large. My hope is to develop audiences for the instrument that plays classical music: the orchestra. Therefore, the book and its new English title.

From the publisher:
It is no secret today that classical music has big problems. Which are the orchestras best able to survive? What can the public do? Is the Symphony Orchestra in Crisis?

These and other probing questions about classical music and its culture are answered in this book, (first published by Henschel Verlag in 2012 in Germany and now published by NaxosEbooks in a revised version in the original English text.) Written by by world-renowned American conductor John Axelrod, The Symphony Orchestra in Crisis presents in nine chapters many eye-raising observations and amusing anecdotes. Speaking from experience, Axelrod articulates the current challenges and possible solutions facing the instrument of the orchestra.

For the music lover or the classical music cognoscenti, there are plenty of tongue-wagging zingers in this short but spicy ebook: Why was Herbert von Karajan invited only once to conduct the Cleveland Orchestra? Do French orchestras go on strike more frequently than others and are Swiss musicians always so serious? Is there still a "Big 5" in the USA? Are English orchestras overrated? Are professional musicians underpaid?

(Axelrod makes strong arguments for rewarding the virtuosity of musicians as he brings up and breaks down cultural stereotypes. He extemporizes on the history of the conductor, the development of the baton and the evolution of the relationship between an orchestra and its conductor. He describes the typical career of an orchestra musician, comments on the 'cosmopolitanism' of the composer, redefines the role of leadership in an orchestra, openly discusses salaries paid to artists and administrators, and explains the importance of language to interpret music in different cultures.)

For anyone interested in the symphony orchestra and its survival and want a unique look behind the scenes, this book is for you.
For those interested and who can read German, here are several great reviews and interviews related to the book when it was released last year in Germany:


Wenn die Muse doppelt küsst
Werner Theurich, Der Spiegel

Der eine intellektuell, der andere temperamentvoll: Mit ihren neuen Büchern wollen Pianist Alfred Brendel und Dirigent John Axelrod zeigen, dass man nicht nur übers Hören zur Klassik finden kann. Zwei Werke über Konzertmusik, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Zwei Autoren, die so gar nicht zueinander passen: Alfred Brendel, der nachdenkliche Pianist, und John Axelrod, der temperamentvolle und extrovertierte Dirigent. Ihre soeben erschienenen Bücher reflektieren exakt ihre sehr unterschiedlichen künstlerischen Daseinsformen. Und doch wollen beide dassselbe: Fans für die Konzertmusik gewinnen.

Von Alfred Brendel, bereits im 83. Lebensjahr, kannte man seine Ausflüge ins Literarisch-Essayistische bereits. Betulich, aber immerhin sachlich, hieß ein frühes Büchlein "Nachdenken über Musik". Brendel gehört zu jenen fruchtbaren Geistern, die getreu Karl Krausens Maxime nicht nur über profunde Gedanken verfügen, sondern diese auch ebenso treffsicher formulieren können. Und dabei nicht selbstverliebt mäandern, sondern schnell auf den Punkt kommen. Sein neues Buch, mit 144 Seiten wieder recht schmal, trägt dann auch den pragmatischen Titel "A bis Z eines Pianisten". Natürlich ist das kein Lexikon, aber systematisch geht es schon zur Sache.

Der große, inzwischen vom Konzertbetrieb zurückgetretene Virtuose Brendel doziert - auch auf Vortragsreisen - als weltweiser Intellektueller, während der weitaus jüngere amerikanische Dirigent John Axelrod in seinem Debüt als schneller und Effekte suchender Plauderer brilliert, der behände von einem Thema zum anderen springt, seine Argumente mit Anekdoten schmückt und immer wieder die reine Kunst gern auf deren Produktionsbedingungen reduziert. Sein Buch heißt herausfordernd "Wie großartige Musik entsteht … oder auch nicht" und schlägt einen großen Bogen von der Historie des Dirigierens bis hin zu zeitgenössischer Probenarbeit, Repertoire-Politik, Kulturmanagement und Personalführung.

Griffige Anekdoten und knallige Pointen

Wenn hingegen Alfred Brendel in seinem Buch über "Anschlag", "Haydn" oder "Tempo" nachdenkt, dann tut er das konzentriert, setzt Wissen und womöglich eigene Erfahrung voraus, denn sein pianistisches Expertendenken kann er nicht abschalten. Alfred Brendel schreibt so, wie er Beethoven oder Bach spielt, und das macht sein Buch so sympathisch. Daher kann man sich auf ihn verlassen, auch wenn man nicht immer seine Meinung teilt. Sogar Humor blitzt hin und wieder auf, doch der ist leise - knallige Pointen sucht man beim dienenden Pianisten vergebens.

Mit Pointen wartet dafür der texanische Kollege John Axelrod (1966 in Houston geboren) reichlich auf. Gleich zu Beginn erzählt er die griffige Anekdote über Herbert von Karajan, der seine Karriere in den USA mit einer einzigen Orchesterprobe ins Wanken brachte, als er den Klang des Cleveland Orchestra - ein von George Szell geformter Markenartikel - zu verbiegen drohte. Ein markanter Einstieg in Axelrods Welt der Zwänge, die die Kunst einpferchen können.

Axelrod, einst von seinem Lehrer Leonard Bernstein zur Dirigentenkarriere gedrängt, arbeitete auch als A&R-Mann für die Plattenfirma RCA und als Marketingleiter für den kalifornischen Weinunternehmer Robert Mondavi. Man darf eben nicht nur etwas von Musik verstehen, wenn man die Szene analysieren will. Erst seit dem Jahr 1997 dirigiert er hauptberuflich, war unter anderem Orchesterchef in Luzern, trat in London, Paris, Leipzig und Berlin auf und leitet heute das Orchestre National des Pays de la Loire (Nantes/Angers). Nicht die ganz große Welt, aber dafür hat er Zeit für Konzerte mit Lang Lang, Julia Fischer, Thomas Hampson oder Daniel Hope, sowie für seine Opern- und Uraufführungsambitionen.

Von der scheinbaren Wissenschaftlichkeit, wie sie das Inhaltsverzeichnis suggeriert, darf man sich nicht abschrecken lassen, denn Axelrod erzählt ungebremst drauflos, als hätte er einen Talkshow-Auftritt protokolliert. Spaß macht das durchaus und illustriert Axelrods unbändige Lust am Job. Dies darzustellen gelang vor ihm schon dem Dirigentenkollegen Ingo Metzmacher ("Vorhang auf!", 2009) oder dem Violinisten Daniel Hope ("Wann darf ich klatschen?", 2009). Schön, wenn die Muse doppelt küsst - denn alle eint die Sorge um das künftige Konzertpublikum. Und das wird nicht nur mit reiner Kunst gewonnen.

Ideen zum perfekten Instrumentalspiel bei Brendel stehen Analysen der Orchesterpsychologie gegenüber, die Philosophie der Interpretation kontrastiert mit Überlegungen zur Ökonomie. Am besten also, man liest beide Bücher parallel. Denn sie liefern beide Wegbeschreibungen zum selben Ziel: dem Verständnis aktueller Konzertmusik.


Dirigent John Axelrod schreibt über Zukunftsmusik
FOCUS

Klassik-Orchester müssen sich neu erfinden. Nach dem Vorbild kleiner Privatensembles sollten die philharmonischen Musiktanker wendiger werden, fordert der Dirigent John Axelrod.

„Meine Damen und Herren, das Geld ist schon überwiesen, wir fangen mit der Aufnahme an!“ Mit diesem Spruch soll Herbert von Karajan bei den Wiener Philharmonikern einmal zur Probe angetreten sein – die Stimmung unter den Musikern hob sich sofort. Geld und Musik gehören zusammen, aber ohne Publikum läuft nichts, erklärt der amerikanische Dirigent John Axelrod (46) in seinem neuen Buch über das Musikgeschäft, in dem auch die Karajan-Anekdote steht.

Für den Dirigenten, der bei Leonard Bernstein lernte, dreht sich zwar nicht alles um Geld. Doch wenn in Zukunft noch klassische Musik zum Kanon gehören soll, sei es höchste Zeit zu handeln – vor allem für die Orchester. Auf dem Weg vom 19. Jahrhundert in die youTube-Zeit sei der Konsens verloren gegangen, dass Bach, Beethoven und Brahms irgendwie auch dazugehören.

Doch warum sollen alle Steuerzahler für Oper, Ballett oder Theater aufkommen, wenn vergleichsweise nur wenige hingehen? Axelrod stellt Fragen, die auch die jüngst erschienene Kampfschrift „Der Kulturinfarkt“ stellte und die die Szene in Aufruhr versetzten. „Das Bildungsbürgertum hat nicht mehr die Deutungshoheit über das, was wir als Kultur verstehen“, beschreibt Axelrod das Dilemma der Kulturpolitik.

Die Orchesterlandschaft schrumpft immer weiter – von 168 im Jahr 1992 auf zuletzt 131 Ensembles. Dabei ist die Bundesrepublik noch gut dran. In den USA werden Orchester ausgeblutet: Das legendäre Philadelphia Orchestra hat Insolvenz angemeldet. Um sich über Wasser zu halten, spielt das Cleveland Orchestra immer öfter im reichen Miami als „Cleveland Orchestra Miami“.

„Heute wird Klassik definiert als die Musik toter, weißer europäischer Männer, die für eine moderne Bevölkerung kaum mehr von Belang ist“, diagnostiziert Axelrod in seinem an vielen Anekdoten reichen und mit Witz geschriebenen Buch „Wie großartige Musik entsteht ...oder auch nicht“ (Bärenreiter Henschel). Der Amerikaner war Orchesterchef in Luzern, dirigiert regelmäßig in London, Paris, Leipzig und Berlin und leitet in Frankreich das Orchestre National des Pays de la Loire und in Mailand das Orchester La Verdi.

Für die meisten Menschen sind Oper, Sinfonien und Kammermusik eine elitäre Form von Privileg und Bildung, sagt Axelrod. Orchester sind teuer und verschlingen ein großes Budget. Gehaltsforderungen, Inflation und Schulden haben ein untragbares Umfeld für diese Musiktanker geschaffen, sagt er.

Der Texaner betätigt sich augenscheinlich als Nestbeschmutzer. Axelrod kennt das System von innen, weiß über Interna Bescheid und gibt einige auch preis. Vor Beginn seiner Dirigentenlaufbahn war er Manager bei einer Plattenfirma und einer Weinkellerei in Kalifornien. Er hat sich den Blick des Quereinsteigers bewahrt.

Die großen Orchester werde es immer geben – von den New Yorkern bis zu den Berliner Philharmonikern. Doch der Abonnent gehört zu einer aussterbenden Spezies. Vor allem für die Klangkörper in der zweiten Reihe sei das ein Problem. Sie hätten es immer schwerer, ihr Publikum, besonders die jungen Leute, zu erreichen. „Business as usual“, sagt Axelrod, geht nicht mehr. In Europa könnten sich die subventionierten Orchester nicht mehr länger nur darauf verlassen, von der öffentlichen Hand unterstützt zu werden.

Axelrod fordert einen Paradigmenwechsel. Es reiche nicht mehr, die Zuhörer mit dem „Mythos Maestro“ zu umgarnen. Die Zeit, als Karajan noch mit geschlossenen Augen seine Fans verzückte, sei vorbei. Eine neue Dirigentengeneration dränge auf die Podien. Sie habe die Chance, den Trend umzukehren und eine neue Beziehung zum Publikum aufbauen. „Solange die Orchester der Ansicht sind, sie wüssten es besser als ihr Publikum, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn das Publikum sie nicht länger unterstützt.“

Als Gegenbeispiel nennt er Gustavo Dudamel (31), Orchesterchef in Los Angeles. Als Spross des erfolgreichen Bildungsprojekts „El Sistema“ in Venezuela, habe er in der Multikulti-Metropole einen Draht zu neuen Zuhörergruppen, etwa den Latinos, gefunden. Mit Werbung in mehreren Sprachen, einem flexiblen Repertoire aus Klassik und Crossover sei das LA Philharmonic das erfolgreichste Orchester der USA.

Was Axelrod vorschlägt, mag für manchen in einer hochsubventionierten Kulturlandschaft wie ein Sakrileg klingen. Kleine private Ensembles, wie das Orchester La Verdi, das niederländische Anima Eterna oder das Mahler Chamber Orchestra, die sich der Kunst und nicht (nur) der Kasse widmen, könnten neu definieren, wie die Klassikmusik doch noch im 21. Jahrhundert überleben könnte. Hippe Veranstaltungsorte wie „Le Poisson Rouge“ in New York oder „Yellow Lounge“ in Berlin seien dafür durchaus geeignet. Denn: „Große Konzertsäle wurden für Ensembles mit großen Budgets gebaut.“


Wie gossartige Musik entsteht...
Renate Wagner

Klassik-Orchester müssen sich neu erfinden. Nach dem Vorbild kleiner Privatensembles sollten die philharmonischen Musiktanker wendiger werden, fordert der Dirigent John Axelrod.

Auf den ersten Blick wirkt das Thema etwas trocken und akademisch: Hier geht es um Orchester und Dirigenten, um die heutige Situation, mit Rückblick auf historische Entwicklungen. Aber die Lektüre erweist sich als höchst interessant und aufschlussreich, man erfährt weit mehr, als man in seiner Eigenschaft als Konzertbesucher, selbst bei tiefer schürfendem Interesse an der Szene, zu erkennen vermag. Wer ist der Autor dieses Buchs, das sich vorgenommen hat, dem Normal-Musikfreund, der keine hochtrabenden Analysen, sondern einsichtige Erkenntnisse lesen will, zu erzählen „wie großartige Musik entsteht… oder auch nicht“: Der 46jährige John Axelrod steht zwar nicht in der ersten Reihe der großen Dirigenten unserer Tage, aber er blickt auf langjährige und vor allem vielfältige Erfahrungen zurück. Ca. 150 Orchester hat er dirigiert und wachen Auges und Ohrs beobachtet. Da akkumulieren sich Einsichten, und diese sind erlebt, beobachtet und werden teilweise klug analysiert. Axelrod, der bei Bernstein, in Havard und in St. Petersburg studierte und auch einige Jobs in der Musikbranche hatte, bekleidete Chefpositionen in Polen und in Luzern, ging mit Lang Lang auf Tournee, ist derzeit Erster Dirigent des Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“ und hat sich vor allem in Europa ausreichend umgetan, um hier auch – mit dem Blick des Außenstehenden – die nationalen Unterschiede festzumachen. Das ist nicht zuletzt deshalb ganz erheiternd, weil er schwört, dass die klischierten Vorstellungen im allgemeinen stimmen – dass die Schweizer gewissenhaft, aber nicht sehr leidenschaftlich seien, die Italiener leidenschaftlich, aber nicht sehr gewissenhaft, die Engländer bravourös oberflächlich und die Franzosen problemfixiert (und im übrigen dem Motto verpflichtet: Verlange mehr und arbeite weniger). Solche Dinge zu behaupten, ist nicht unbedingt politisch korrekt, und Axelrod weiß sehr wohl, dass ein Buch wie das seine ein Eiertanz ist, denn es werden unangenehme Dinge, die vielleicht auch Wahrheiten sind, gesagt – und er will ja auch weiter im Geschäft bleiben… Aus den nationalen Eigenschaften, an denen sicher etwas dran ist, folgt, dass man sich als Dirigent besser auf die jeweiligen Eigenheiten einstellt, oder man wird scheitern. Axelrod hat immer wieder Geschichten parat, die äußerst signifikant sind, etwa wie Karajan (von Szell eingeladen – einmal und nie wieder!) die Clevelander total verstörte, als er mit seinem autoritären Wiener-Berliner Führungsstil vor die Amerikaner trat, ohne sich auch nur eine Sekunde zu fragen, wie diese zu arbeiten gewohnt waren… Die emotionale Intelligenz, sich überall anzupassen, sagt Axelrod beispielsweise Valery Gergiev nach, und dessen Erfolge allerorten sprechen wohl auch dafür. Und dass Bernstein „die Sprache der Wiener“ sprach, hat nicht zuletzt zu den Mahler-Triumphen geführt. Axelrod erzählt viele Dirigenten-Geschichten, berichtet darüber hinaus über die Psychologie von Orchestern, die heutzutage erstens multikulti sind und zweitens immer schon äußerst schwierig zu behandeln waren, da man es mit selbstbewussten Individuen zu tun hat, unter denen möglicherweise heftige Spannungen herrschen. („Wer auch immer behauptet, Orchester seien ein Muster an Geschlossenheit und Disziplin, der hat vermutlich immer nur CDs gehört und nie einer Orchesterprobe beigewohnt.“) Da haben sogar die verschiedenen Instrumentengruppen verschiedene Charaktereigenschaften – auch das liest sich amüsant. Man kann aus diesem Buch jede Menge Information holen, soll es aber wiederum nicht zu bierernst nehmen (so ist es auch nicht gemeint). Letztendlich dient es, das soll schon gesagt sein, auch der persönlichen Eitelkeit des Schreibers: Nicht nur, dass er bei jeder Gelegenheit betont, was „Lenny Bernstein“ zu ihm sagte. Axelrod stellt auch immer wieder fest, Jude und aus Texas zu sein, wohl um alle Einwände vorwegzunehmen – Texas ist nach der Bush-Präsidentschaft wohl nicht mehr so attraktiv wie zur Zeit des „Giganten“-Films mit James Dean, und als Jude erfährt man den Antisemitismus heutzutage noch immer, wenn auch eher hinterrücks – warum man denn ausgerechnet „Kaddish“ von Bernstein spielen müsse, räsonierten zwei Schweizer Orchestermusiker untereinander. Schließlich meinte einer: „Das kommt eben dabei raus, wenn man einen Juden als Dirigenten hat.“ Viele interessante Fakten, amüsante Geschichten (Mark Twain in Bayreuth: „Ich fühle mich wie der einzige Gesunde in einer Gemeinschaft von Verrückten“), treffende Anekdoten, freche Witze – hoffen wir, dass Axelrod sich mit dem Buch nicht so viele Feinde macht, wie er Leserfreunde gewinnen kann.


Wie gossartige Musik entsteht...
Antje Rößler, Das Orchester

Klassik-Orchester müssen sich neu erfinden. Nach dem Vorbild kleiner Privatensembles sollten die philharmonischen Musiktanker wendiger werden, fordert der Dirigent John Axelrod.

John Axelrod ist Texaner. Da verwundert es nicht, dass seine "Ansichten eines Dirigenten" ebenso optimistisch wie unterhaltsam daherkommen. Los geht's mit einer eindrucksvollen Anekdote: wie Karajan mit einer einzigen Orchesterprobe seine Amerika-Karriere gefährdete, indem er den von George Szell mühsam polierten Klang des Cleveland Orchestra verbog. Es folgt ein bunter Essay, der durch seine Gliederung in neun Kapitel nur mühsam in Zaum gehalten wird. Denn der 46-Jährige, der von Leonard Bernstein zur Dirigentenkarriere ermutigt wurde und nach Zwischenstopp in Luzern nun das Orchestre National des Pays de la Loire leitet, erzählt ungebremst drauflos. Er verbindet Anekdoten und Reflexionen, musikhistorische Schlenker, Ausflüge in Interpretations- und Tonträgergeschichte sowie interkulturelle Mentalitätsvergleiche. Immer wieder erzählt er eigene Erlebnisse, wie etwa jene Episode im mondbeschienenen kalifornischen Napa Valley: Axelrod, der damals als Weinhändler arbeitete, wurde vom Tristan-Vorspiel im Autoradio derart überwältigt, dass er am nächsten Tag kündigte, um Dirigent zu werden. Erfrischend spitzzüngig wirken Axelrods Einschätzungen bedeutender Orchester: Der Dirigent berichtet von kritikversessenen Schweizer Musikern, von diskussionsfreudigen Franzosen und den perfekt durchorganisierten angelsächsischen Ensembles. Natürlich kommt auch der optimistische Axelrod nicht daran vorbei, eine Krise der Institution Orchester zu diagnostizieren. Schuld daran seien sämtliche Beteiligten: von karrieresüchtigen Dirigenten über sparfreudige Kultusminister, die Journalisten mit ihrem Hang zum Boulevard bis hin zu Plattenfirmen, Veranstaltern und Agenten, denen es an Kunstverstand mangelt. Schuld seien aber auch die Komponisten, die im Bestreben, "unbedingt innovativ zu sein, oftmals weiter gingen, als das Publikum es akzeptierte".

Axelrod schiebt den Schwarzen Peter also in alle Richtungen, nur nicht zum Publikum, dessen Fähigkeit zur konzentrierten Auseinandersetzung mit Musik allerorten abnimmt. Den regressiven Wunsch nach Schönklang und Wiederholung, der sich durch musikalische Bildung durchaus beeinflussen ließe, nimmt er als gottgegeben hin. Und wenn Nono und Cage die Zuschauer aus dem Saal treiben, dann solle man, schlägt Axelrod vor, halt einen elektronischen Remix von Beethovens Neunter aufs Programm setzen.

Axelrods Ideen, wie man das Orchester durchs 21. Jahrhundert retten könne, offenbaren amerikanischen Pragmatismus. Das Problem der Verteilungsgerechtigkeit in Bezug auf öffentliche Gelder scheint ihn ebenso wenig zu interessieren wie der Gedanke, dass Musikensembles vielleicht ebenso förderwürdig seien wie "systemrelevante" Banken. Sein Blick richtet sich stattdessen auf privatwirtschaftliche Geldquellen. So schlägt er vor, Orchester wie Sportmannschaften zu organisieren: mit Fans als Aktionären, Bandenwerbung im Konzertsaal und einem Chefdirigenten, der vom Publikum gewählt wird.


«Der Dirigent muss Teil des Teams werden»
Migros Magazin

Klassik-Orchester müssen sich neu erfinden. Nach dem Vorbild kleiner Privatensembles sollten die philharmonischen Musiktanker wendiger werden, fordert der Dirigent John Axelrod.

Jedes Orchester funktioniert anders, je nach kulturellem Hintergrund, sagt John Axelrod in seinem neuen Buch. Der amerikanische Stardirigent über die Macht der Musiker, sein Liebäugeln mit Hip Hop und widerspenstige Orchester.

John Axelrod, in Ihrem Buch «Wie grossartige Musik entsteht … oder auch nicht» beschreiben Sie Schweizer Orchester als sehr ordnungsliebend und regelversessen. Daher fehle es an Kreativität, Leidenschaft und Ehrgeiz – harte Worte!
(lacht) Das sind natürlich Stereotypen. Es gibt selbstverständlich sehr leidenschaftliche Schweizer Musiker, genauso wie es sehr präzise italienische Musiker gibt. Allerdings beruhen Stereotypen immer auf einem Körnchen Wahrheit. Und die kulturellen Unterschiede der Länder spiegeln sich in ihren Sinfonieorchestern. So warnte mich der Intendant meines ersten Schweizer Orchesters, die Musiker ja nicht mit «meine Freunde» anzusprechen. Er fragte, wie ich genannt werden wollte, «Maestro» oder «Herr Axelrod». Ich schlug «John» vor, aber das war erst nach einiger Zeit möglich.

Also stimmen die Stereotypen doch?
Ein bisschen schon. Als Dirigent muss man erst mal die Stärken und die Schwächen seiner Musiker kennen. Nur dann kann man das Beste aus ihnen herausholen. Man muss sich also dem Orchester anpassen, sonst wird es schwierig.

Und was haben Sie in der Schweiz erlebt?
Es herrscht ein utilitaristischer Ansatz. Man selbst ist also persönlich verantwortlich, zum Allgemeinwohl beizutragen. Was man tut, hat Folgen für alle anderen, man muss Rücksicht nehmen. Konformität wird in der Schweiz viel höher bewertet als zum Beispiel in Frankreich oder den USA, wo Individualität dominiert. Das findet man in den Orchestern wieder.

Dann erforschen Sie also jedes Mal zuerst die Kultur eines neuen Orchesters, bevor Sie mit ihm spielen?
So ist es. Das ist umso wichtiger, als Orchesterkonzerte tendenziell ein abnehmendes Publikum haben. Wir können es uns gar nicht leisten, weniger zu bieten als das Beste.

Sie haben bis jetzt etwa 150 Orchester dirigiert, ist das viel oder üblich bei Dirigenten?
Üblich. Wir kreisen um den Globus und dirigieren. Nicht alle natürlich. Aber einige auch mehr als ich. Den Rekord für die meisten Konzerte auf verschiedenen Kontinenten in 24 Stunden hält der Russe Valery Gergiev: Es waren fünf auf fünf Kontinenten. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat.

Und wie schaffen Sie es, sich bei so vielen Orchestern immer gut genug über deren Traditionen zu informieren?
Man muss sich wie ein Student auf die Kultur eines Landes einlassen. Tolle Musik zu machen, ist mehr als die Noten auf dem Papier richtig zu spielen. Ich führe in jedem neuen Land lange und intensive Gespräche mit den Leuten und den Musikern, um zu verstehen, wie sie ticken. Ich recherchiere zuvor schon und versuche jede Stadt kennenzulernen.

Gibt es Dirigenten, die noch nach alter Schule ihr Ding durchziehen und vom Orchester erwarten, dass es einfach folgt?
Ja, aber es ist meist die ältere Generation. Allerdings gibt es auch ein paar Junge, die versuchen, die grossen Alten zu imitieren.

Es gab eine Zeit, da hatten Dirigenten eine gottgleiche Position im Orchester. Wann hat sich das geändert?
Parallel zur Politik. Als damals Könige und Diktatoren aus der Mode kamen, geschah dasselbe auch in den Orchestern. Meine Lehrer, Leonard Bernstein und Christoph Eschenbach, lernten noch unter diesem diktatorischen Regime, waren selbst aber trotz ihres enormen Renommees bereits deutlich demokratischer als ihre Lehrmeister. Ab 1968 wurde alles lockerer und liberaler, und heute sind es die Orchester, die bestimmen, wo es langgeht, nicht mehr der Dirigent. Er muss sich anpassen, diplomatisch sein und ein Teil des Teams werden.

Schaffen Sie das immer?
Nicht immer. Ab und zu stimmt die Chemie nicht, in Stuttgart ist mir das passiert. Es ist mir nicht gelungen, meinen Stil mit ihren Traditionen zu vereinen.

Wieso sind berühmte Dirigenten eigentlich immer männlich?
Sind sie nicht! Die Entwicklung widerspiegelt auch hier die gesellschaftlichen und politischen Tendenzen in der Welt. Da ist zum Beispiel Marin Alsop, die das Baltimore Symphony Orchestra leitet, die erste Frau, die einem grosses US-Orchester vorsteht. Oder Zhang Xian bei La Verdi in Mailand, die erste chinesische Dirigentin im Westen. Es bewegt sich einiges. Und die weibliche Präsenz tut Orchestern gut.

Wozu braucht es einen Dirigenten?
Er ist so was wie der Kapitän eines Schiffs. Er steht vorne und gibt die Richtung vor. Es ist schlicht effizienter, auf eine einzige Person vorne zu achten, als alle anderen gleichzeitig im Auge zu haben. Ein Stück weit ist er auch das Gesicht eines Orchesters. Gewisse Dinge gibt er vor, andere überlässt er den Musikern, es ist eine Frage des Vertrauens. Das auch ausgenützt werden kann. Manchmal spielt ein Orchester absichtlich schlecht …

Was? Wirklich?
Oh ja, das ist eine Machtdemonstration, um dem Dirigenten zu zeigen: Wir sind nicht einverstanden mit dir.

Aber schaden sie sich damit nicht selbst gegenüber dem Publikum?
Nein. Das Publikum schiebt die Schuld in der Regel dem Dirigenten in die Schuhe. Sie haben ihr Jahresabo, nächste Woche ist es ein anderer Dirigent, da wird es sicher wieder besser sein, denken sie sich. Und wahrscheinlich ist es auch so.

Die Gesten von Dirigenten sind ähnlich, aber doch immer ganz anders. Gibt es allgemein verbindliche Bewegungen?
Ein paar wenige, den Rest macht jeder, wie er will. Was durchaus dazu führt, dass die Musiker ab und zu keinen blassen Schimmer haben, was das da vorne jetzt gerade bedeuten soll.

Dasselbe gilt für den Dirigentenstab?
Genau, manche verwenden ihn, manche nicht. Ich habe immer einen. Valery Gergiev benutzt einen Zahnstocher, ich habe auch schon Essstäbchen verwendet.

Es gibt dieses Klischee, dass Dirigenten grosse Diven sind. Ist da etwas dran?
Oh ja. Wie bei allen Klischees. Wir haben alle unsere Marotten und Manierismen. Und als Dirigent muss man ein Ego haben, ein gewisses Selbstbewusstsein, anders geht es gar nicht.

Was sind Ihre Diva-Aspekte?
Wenn ich kein gutes Essen kriege, werde ich sauer (lacht). Nein, ich glaube, ich bin ziemlich pflegeleicht. Allerdings gibt es ein paar Basics. Ich erwarte, dass ich in meinem Ankleideraum Wasser und ein Handtuch finde. Dirigieren ist eine sehr schweisstreibende Sache, wie Sport. Es ist allerdings erstaunlich, wie oft diese beiden Dinge vergessen werden.

Wie schwierig ist die Lage für Sinfonieorchester heute?
Das kommt drauf an, wo. Die Asiaten sind ganz verrückt nach klassischer Musik aus dem Westen. Auch in der Schweiz sinkt der Marktanteil nicht allzu sehr, es ist ein Land mit gut ausgebildeten und kultivierten Menschen. Dennoch laufen die Trends gegen die sinfonischen Konzerte. Orchester sind halt einfach sehr teuer, und deren Finanzierung ist mehr und mehr in Frage gestellt, gerade seit der grossen Finanzkrise. Umso wichtiger ist es, dass wir auch relevant für das Massenpublikum sind.

Deshalb experimentieren Sie auch mit Filmmusik und Classic Rock.
Richtig. Dadurch verbreitert sich die Publikumsbasis. Dies ermöglicht es uns, auch das klassische Repertoire weiterhin zu spielen.

Sie leben seit Jahren vor allem in Europa. Verfolgen Sie die US-Politik noch?
Oh ja. Und ich werde im November auch wählen, Obama, keine Frage. Falls Romney gewinnt, würden die Künste noch stärker unter Druck kommen.

Sind Sie eigentlich mit Obamas Berater David Axelrod verwandt?
Bin ich tatsächlich! Allerdings über so viele Ecken, dass es gar nicht richtig nachzuvollziehen ist. Wir kennen uns auch nicht persönlich.

Welche Musik hören Sie, wenn Sie sich in Ihrer Freizeit entspannen wollen?
Das kommt auf meine Stimmung an. Oft höre ich Pianomusik, weil ich es ein bisschen vermisse, selbst zu spielen. Und in letzter Zeit habe ich mit Hip-Hop angefangen. Ich plane eine Hip-Hop-Version der Oper «Porgy & Bess».

Haben Sie manchmal auch die Nase voll von Musik?
Absolut. Dann vermeide ich es zwei, drei Tage lang, auch nur eine Note zu hören. Das brauche ich, um meine Batterien aufzuladen. Musik ist mein Leben, aber ich will davon nicht aufgefressen werden. Sonst bin ich nicht mehr kreativ.


"For Readers of Alex Ross or Daniel Hope, this book is a must! The Do's and Don't's, the In's and Out's, the Who's In and Who's Out. There is not a note left un-played or a page left unturned in Axelrod's peak from the podium on the up's and down's of today's symphony orchestras."


"About music, only a few can really speak about it well. Axelrod is one of them and has written a true "Symphony" that delights, fascinates, intrigues, and explains. A must read!"
     —Daniel Hope


"John Axelrod is no ordinary conductor. Ein Kommunikationsgenie"
     —Der Tagesspiegel

HOME | BIOGRAPHY | PRESS | CALENDAR | DISCOGRAPHY | VIDEOS | PHOTOS | NEWSLETTER | PROJECTS | ROSS | CONTACT

© 2010-2013 John Axelrod. All rights reserved.